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RESTBIERAKTEN · KAPITEL 0

KEIN GRUND, ETWAS ZU BEWEISEN

KEIN GRUND, ETWAS ZU BEWEISEN

Die Geschichte

Chris hatte sich vorgenommen, an diesem Abend nichts zu entscheiden.

Das war der Plan.

Kein Interview.

Keine Freigabe.

Keine Diskussion darüber, was irgendeine Zahl bedeutete.

Kein Mensch, der ihm erklärte, warum Erfolg bewies, dass jemand recht hatte.

Vor allem kein Gespräch über Musik.

Daniel hatte die Nachricht mit einem Daumen beantwortet.

Nina mit:

**Glaub ich erst morgen.**

Chris hatte darauf nicht reagiert.

Prinzip.

— Die Tür geht auf.

Chris bleibt stehen.

Nicht weil ihn überrascht, was dahinter liegt.

Sondern weil er kurz versucht herauszufinden, ob er wirklich hier reinwill.

Musik.

Menschen.

Gläser.

Irgendwo lacht jemand so laut, als hätte er persönlich etwas gewonnen.

Zwei Männer diskutieren am Eingang darüber, ob einer von ihnen schon bezahlt hat.

Beide offensichtlich nicht.

Eine Frau läuft mit drei Getränken vorbei und sagt zu niemand Bestimmtem:

„Wenn eins davon meins ist, wär das super."

Chris sieht ihr nach.

Dann wieder in den Raum.

„Gut."

Mehr Bewertung braucht es nicht.

— „Du bist spät."

Chris dreht sich um.

Phanti sitzt seitlich an einem kleinen Tisch.

Jacke über der Lehne.

Getränk vor sich.

Telefon daneben.

Nicht in der Hand.

Als wäre er schon länger da.

Wahrscheinlich ist er das.

Chris:

„Seit wann sitzt du da?"

Phanti:

„Lang genug."

„Hilfreich."

„Gern."

Chris setzt sich.

— Phanti schiebt ihm ein Glas hin.

Chris sieht hinein.

„Was ist das?"

„Deins."

„Das beantwortet meine Frage nicht."

„Dann stell bessere Fragen."

Chris nimmt das Glas.

Riecht daran.

„Ich vertraue dir nicht."

Phanti:

„Gesund."

Chris trinkt trotzdem.

— Ein paar Sekunden passiert nichts.

Das ist angenehm.

Keine Begrüßungsrede.

Kein:

*Wie geht's dir nach allem?*

Kein:

*Hab deine Sachen verfolgt.*

Kein:

*Krass, was bei dir gerade passiert.*

Phanti sitzt einfach da.

Chris auch.

— Dann schaut Phanti auf seine Jacke.

„Die ist neu."

Chris:

„Nein."

„Dann seh ich dich zu selten."

„Auch gut."

„Hab ich nicht bewertet."

Chris sieht ihn an.

Phanti trinkt.

Damit ist das Thema erledigt.

— Genau deshalb ist Chris hier.

Nicht wegen der Location.

Nicht wegen der Musik.

Und definitiv nicht wegen des Getränks, dessen Zusammensetzung weiterhin ungeklärt ist.

Hier muss er gerade nichts darstellen.

Nicht einmal erklären, dass er nichts darstellen möchte.

— Jemand bleibt am Tisch stehen.

„Phanti."

Phanti hebt zwei Finger.

„Micha."

Der Mann zeigt Richtung hinterer Bereich.

„Die sind schon wieder da."

Phanti:

„Welche?"

Micha schaut ihn an.

Phanti:

„Ach die."

Micha:

„Ja."

„Dann sind sie da."

Micha wartet.

„Und?"

Phanti:

„Was soll ich machen?"

„Keine Ahnung."

„Ich auch nicht."

Micha nickt.

„Gut."

Und geht.

— Chris schaut ihm nach.

Dann zu Phanti.

„Was war das?"

„Micha."

„Das hab ich verstanden."

„Dann sind wir weiter als gedacht."

— Chris lehnt sich zurück.

„Welche sind wieder da?"

Phanti:

„Keine Ahnung."

„Du hast gerade so getan."

„Hat funktioniert."

Chris lacht.

Zum ersten Mal an diesem Abend richtig.

— Am Nebentisch fällt ein Glas um.

Niemand reagiert schnell genug.

Die Flüssigkeit läuft über den Tisch.

Einer hebt sein Telefon.

Ein anderer seine Zigaretten.

Ein Dritter rettet eine Schale Erdnüsse.

Phanti beobachtet die Reihenfolge.

„Prioritäten."

Chris:

„Die Nüsse waren gefährdet."

„Eben."

— Eine Frau kommt vorbei.

Sie sieht Phanti.

„Du schuldest mir noch einen."

Phanti:

„Stimmt."

Sie wartet.

Phanti ebenfalls.

„Und?"

„Was?"

„Wann krieg ich den?"

Phanti deutet auf Chris.

„Der zahlt."

Chris verschluckt sich fast.

„Warum?"

Die Frau schaut Chris an.

Dann wieder Phanti.

„Okay."

Und geht.

Chris:

„Was schuldest du ihr?"

„Offenbar einen."

„Einen was?"

Phanti:

„Das ist die spannende Frage."

— Chris sieht ihm ins Gesicht.

Keine Regung.

„Du weißt es wirklich nicht."

„Nein."

„Und ich soll bezahlen."

„Jetzt weißt du, warum du eingeladen bist."

— Chris nimmt sein Telefon heraus.

Nicht weil es klingelt.

Gewohnheit.

Display an.

Nachrichten.

Natürlich.

Daniel.

Nina.

Martin.

Zwei unbekannte Nummern.

Eine Anfrage.

Chris öffnet nichts.

Phanti sagt nichts.

Das fällt Chris auf.

Fast jeder andere hätte inzwischen irgendeinen Kommentar gemacht.

*Lass das Ding doch mal liegen.*

*Du bist doch heute frei.*

*Kannst du nicht abschalten?*

Phanti nicht.

Er schaut nicht einmal hin.

— Chris legt das Telefon mit dem Display nach unten.

Phanti:

„Schlechter Empfang?"

Chris:

„Nein."

„Schade."

Chris sieht ihn an.

Phanti grinst minimal.

Mehr nicht.

— Von hinten kommt ein Mann mit Sonnenbrille.

Drinnen.

Chris schaut ihm entgegen.

Dann zu Phanti.

Phanti:

„Nein."

„Ich hab nichts gesagt."

„Dein Gesicht."

„Mein Gesicht ist privat."

Phanti:

„Dann kontrollier den Zugriff."

— Der Mann mit Sonnenbrille bleibt tatsächlich bei ihnen stehen.

„Phanti!"

Phanti:

„Nein."

Der Mann lacht.

„Was nein?"

„Weiß ich noch nicht."

Chris senkt den Kopf.

— „Wir gehen später noch weiter."

Phanti:

„Wer?"

„Alle."

„Dann viel Spaß."

„Du kommst mit."

„Offenbar nicht."

Der Mann schaut zu Chris.

Er erkennt ihn.

Man sieht genau den Moment.

Chris kennt diesen Moment inzwischen.

Die Augen.

Das kurze Sortieren.

Das:

*Bist du nicht…?*

— „Ey, du bist doch—"

Phanti:

„Chris."

Der Mann:

„Ja!"

Phanti:

„Stark."

— Chris schaut zu ihm.

Phanti trinkt.

Der Mann ist kurz aus dem Konzept.

Dann:

„JODELTIME, oder?"

Chris:

„Unter anderem."

„Brutal, Mann. Diese Hallen. Komplett krank."

„Danke."

„Hab letztens noch gesagt: Bei den Zahlen kann keiner mehr was sagen."

Chris hält das Glas kurz vor dem Mund an.

Da ist er.

Der Satz.

Nicht derselbe.

Aber dieselbe Idee.

Vor einiger Zeit hätte Chris wahrscheinlich diskutiert.

Er hätte erklärt, warum Zahlen genau das nicht bedeuten.

Vielleicht hätte er sogar Spaß daran gehabt.

Heute nicht.

— „Doch", sagt Chris.

Der Mann blinzelt.

„Was?"

„Man kann immer was sagen."

Kurze Pause.

Chris trinkt.

„Muss halt nicht stimmen."

— Der Mann lacht.

„Ja, okay."

Thema erledigt.

Einfach so.

Kein Vortrag.

Keine Verteidigung.

Kein Beweis.

Chris merkt es selbst.

Phanti auch.

Natürlich sagt er nichts.

— Der Sonnenbrillenmann verabschiedet sich.

„Später!"

Phanti:

„Unwahrscheinlich."

Der Mann ist schon weg.

Chris:

„Kennst du den?"

„Leider genug."

„Name?"

Phanti denkt nach.

„Tobi."

„Du musstest überlegen."

„Es gibt viele."

— Die Musik wird lauter.

Irgendwo beginnt eine Gruppe mitzusingen.

Falsch.

Konsequent.

Chris hört hin.

Phanti:

„Nicht helfen."

„Ich wollte nichts machen."

„Du hast Produzentengesicht."

„Was soll das sein?"

„Als würdest du innerlich Frequenzen korrigieren."

Chris:

„Die sind zu tief."

Phanti:

„Siehst du."

— Dann passiert eine Weile genau das, weshalb Chris gekommen ist.

Nichts Wichtiges.

Und sehr viel gleichzeitig.

Jemand bestellt eine Runde und verschwindet, bevor sie kommt.

Zwei Leute suchen einen Dritten, der direkt hinter ihnen steht.

Eine Frau behauptet seit mehreren Minuten, sie gehe jetzt wirklich.

Niemand glaubt ihr.

Zu Recht.

Ein Mann versucht, eine Geschichte zu erzählen, deren Anfang sich mit jedem neuen Zuhörer verändert.

Phanti kennt offenbar die Hälfte der Leute.

Die andere Hälfte kennt offenbar Phanti.

Wie genau, bleibt unklar.

— „Wohnst du hier?", fragt Chris irgendwann.

Phanti:

„Nein."

„Warum kennt dich jeder?"

„Kennt mich nicht jeder."

In diesem Moment läuft jemand vorbei.

„Phanti!"

Phanti hebt die Hand.

Chris wartet.

Phanti:

„Zufall."

— Chris grinst.

Es ist interessant.

Er kennt Phanti.

Natürlich.

Aber er hat nie darüber nachgedacht, wie viele verschiedene Versionen dieses Mannes offenbar gleichzeitig existieren.

Für Micha ist er jemand, den man bei Problemen fragt.

Für die Frau jemand, der ihr irgendetwas schuldet.

Für Tobi jemand, der angeblich später irgendwo mitkommen soll.

Der Barkeeper stellt ihm ein neues Getränk hin, ohne dass Phanti bestellt.

Keine Nachfrage.

Kein Wort.

Einfach da.

Chris zeigt darauf.

„Das ist verdächtig."

Phanti:

„Service."

„Du hast nicht bestellt."

„Noch besser."

— Chris sieht sich um.

Vielleicht ist das der erste Abend seit Langem, an dem niemand etwas von ihm beweisen möchte.

Nicht dass er erfolgreich ist.

Nicht dass er bodenständig geblieben ist.

Nicht dass ALPENGIFT irgendeine tiefere Wahrheit enthält.

Nicht dass JODELTIME mehr war als ein riesiger Spaß.

Nicht einmal, dass Chris Crumb überhaupt interessant ist.

Hier sitzt er einfach an einem Tisch mit einem Mann, der möglicherweise einer Frau etwas schuldet, dessen Art noch nicht geklärt wurde.

Das reicht erstaunlich weit.

— Dann setzt sich jemand ungefragt zu ihnen.

Junger Typ.

Zu viel Energie.

„Ich hab eine Frage."

Phanti:

„Nein."

„Du kennst sie noch gar nicht."

„Deshalb ist die Antwort noch flexibel."

Der Typ ignoriert ihn.

Schaut zu Chris.

„Wie wird man erfolgreich?"

Chris schließt kurz die Augen.

Phanti sieht das.

Chris öffnet sie wieder.

„Keine Ahnung."

Der Typ lacht.

„Nein, ernsthaft."

„Ich auch."

„Aber du hast es doch geschafft."

Chris:

„Das beweist nur, dass es passiert ist."

Phanti nimmt einen Schluck.

Der Typ wartet auf mehr.

Es kommt nichts.

— „Also kein Geheimnis?"

Chris:

„Doch."

Der Typ beugt sich etwas vor.

Chris:

„Niemand kennt das Geheimnis."

Phanti:

„Deshalb geheim."

Chris zeigt auf ihn.

„Danke."

„Gern."

— Der Typ geht irgendwann.

Nicht enttäuscht.

Eher verwirrt.

Chris sieht ihm nach.

„Früher hätte ich dem jetzt zehn Minuten erklärt, warum die Frage falsch ist."

Phanti:

„Warum?"

Chris:

„Keine Ahnung."

„Fortschritt."

— Das Wort bleibt kurz stehen.

Chris schaut zu ihm.

„War das gerade ernst?"

Phanti:

„Mach's nicht kaputt."

— Später wechseln sie den Ort.

Nicht weil es geplant war.

Weil irgendjemand sagt, woanders sei es besser.

Niemand überprüft diese Behauptung.

Das ist offenbar ausreichend.

— Draußen stehen plötzlich neun Leute.

Chris kennt drei.

Phanti vermutlich sieben.

Oder keinen.

Schwer zu sagen.

Jemand fragt:

„Wie kommen wir hin?"

Vier Antworten gleichzeitig.

Taxi.

Zu Fuß.

Bus.

„Ist gleich da."

Chris:

„Wie weit ist gleich?"

Ein Mann:

„Zehn Minuten."

Eine Frau:

„Zwanzig."

Phanti:

„Vierzig."

Alle schauen ihn an.

„Warum vierzig?"

„Weil ihr seit fünf Minuten diskutiert und noch keinen Meter gegangen seid."

— Chris lacht.

„Ich geh mit dir."

Phanti:

„Fehler."

„Warum?"

„Ich weiß auch nicht, wo's ist."

— Sie gehen trotzdem.

Natürlich.

— Unterwegs verliert die Gruppe zwei Menschen und gewinnt drei neue.

Niemand weiß genau wie.

Chris zählt irgendwann.

„Wir waren neun."

Phanti:

„Fehler eins."

„Jetzt sind wir zehn."

„Fehler zwei."

„Wo sind die anderen?"

„Welche?"

Chris bleibt stehen.

„Sehr beruhigend."

— Irgendjemand ruft von hinten:

„Taxi!"

Alle drehen sich um.

Ein Wagen hält.

Zu klein.

Natürlich.

— Sechs Menschen stehen davor.

Einer öffnet bereits die Beifahrertür.

Ein anderer erklärt dem Fahrer, dass es „wirklich nicht weit" sei.

Der Fahrer fragt nach der Adresse.

Niemand antwortet sofort.

Chris schaut zu Phanti.

Phanti schaut zum Taxi.

Dann zu den Leuten.

Dann wieder zum Taxi.

„Das wird nichts."

Chris:

„Endlich Expertise."

— Eine Frau zählt.

„Wir sind sechs."

Der Mann an der Beifahrertür:

„Passt."

Der Fahrer:

„Nein."

Phanti nickt.

„Starker Mann."

— Chris sieht ihn an.

Dann das Taxi.

Dann die Gruppe.

Einer hält einen Döner.

Natürlich sitzt genau der schon vorne.

— Chris:

„Das ist eine Geschichte."

Phanti:

„Leider."

„Wie nennen wir die?"

Phanti schaut auf den Wagen.

Auf sechs Menschen.

Auf fünf Plätze.

Auf den Döner.

Dann:

„Taxi für fünf."

Chris grinst.

— Das Telefon in seiner Tasche vibriert.

Er lässt es.

Vor ihnen diskutieren sechs Erwachsene darüber, ob Mathematik möglicherweise Verhandlungssache ist.

Phanti steht daneben, als hätte er exakt damit gerechnet.

Chris merkt, dass er seit Stunden nicht darüber nachgedacht hat, was irgendjemand von ihm erwartet.

Nicht über Gold.

Nicht über Hallen.

Nicht über Beweise.

Nur darüber, ob dieser Fahrer tatsächlich einen Menschen mit Döner auf dem Beifahrersitz akzeptiert.

— Vielleicht ist das banal.

Gut.

Chris hatte genug große Bedeutungen.

— Der Fahrer schüttelt den Kopf.

Einer sagt:

„Wir können uns doch quetschen."

Phanti:

„Sag das bitte nochmal direkt zum Mann, der dich fahren soll."

Der Mann schweigt.

Chris:

„Fortschritt."

Phanti:

„Mach's nicht kaputt."

— Chris lacht.

Das Taxi fährt noch nicht.

Niemand hat eine Lösung.

Irgendwo fehlt wieder jemand.

Dafür ist Tobi plötzlich da.

Mit Sonnenbrille.

Immer noch.

Chris sieht ihn.

„Nein."

Phanti:

„Lernfähig."

— Und irgendwo zwischen dem ersten Getränk, einem unbekannten Schuldverhältnis und sechs Menschen vor einem Taxi beginnt etwas, das später einen Namen bekommen wird.

Nicht sofort.

Noch ist es nur ein Abend.

Dann wird es ein zweiter.

Dann eine Geschichte, die jemand beim nächsten Treffen wieder erzählt.

Und irgendwann gibt es so viele davon, dass Phanti anfängt, sie Akten zu nennen.

Warum?

Darüber existieren unterschiedliche Aussagen.

Phanti behauptet später, Chris habe damit angefangen.

Chris behauptet das Gegenteil.

Daniel hält beide Versionen für unglaubwürdig.

Nina führt vermutlich tatsächlich Unterlagen.

— Sicher ist nur:

Nach JODELTIME hatte Chris gelernt, wie schnell Spaß zu Erfolg werden kann.

Nach ALPENGIFT hatte er gelernt, dass Erfolg längst nicht so viel beweist, wie Menschen gern behaupten.

Und hier lernt er etwas wesentlich Einfacheres:

Nicht jeder Abend braucht eine Aussage.

Manche brauchen nur Zeugen.

Leider gibt es davon reichlich.

Phanti hebt sein Glas.

„Auf was?"

Chris sieht zum Taxi.

Zum Döner.

Zu Tobi.

Zur Gruppe.

Dann zu Phanti.

„Keine Ahnung."

Phanti nickt.

„Perfekt."

Sie stoßen an.

Später wird jemand behaupten, hier hätten die **RESTBIERAKTEN** begonnen.

Das stimmt wahrscheinlich nicht.

Aber es ist die beste Version, die noch jemand zusammenbekommt.

— —