TALWÄRTS BRENNT DAS LICHT
Die Geschichte
Daniel merkt es zuerst.
Nicht an einem Satz.
Chris sagt nichts Besonderes.
Nicht an seiner Stimmung.
Die ist gut.
Auch nicht daran, dass er plötzlich langsam geworden wäre.
Ist er nicht.
Es ist etwas viel Banaleres.
Das Telefon liegt auf dem Tisch.
Mit dem Display nach unten.
Daniel schaut hin.
Dann zu Chris.
Dann wieder zum Telefon.
Chris bemerkt es.
„Was?“
„Nichts.“
„Du guckst mein Handy an.“
„Nein.“
„Daniel.“
„Ich registriere.“
Chris nimmt einen Bissen.
„Dann registrier leiser.“
—
Die Liste liegt zwischen ihnen.
Termine.
Fahrten.
Auftritte.
Interviews.
Eine Produktion.
Zwei Anfragen, bei denen Daniel Sternchen gesetzt hat.
Chris zeigt darauf.
„Was heißt Sternchen?“
„Wichtig.“
„Und zwei?“
„Wichtiger.“
Chris:
„Innovatives System.“
Daniel:
„Danke.“
Chris sieht weiter.
Eine Zeile.
Dann die nächste.
Kein Widerstand.
Kein:
*Zu viel.*
Kein:
*Lass mich in Ruhe.*
Er will das.
Das muss klar bleiben.
Der Grat hat daran nichts geändert.
Vielleicht hat er sogar etwas anderes geklärt.
Chris schiebt die Liste zurück.
„Passt.“
Daniel sieht ihn an.
„Alles?“
„Nein.“
Chris zieht sie wieder zu sich.
Streicht einen Termin.
Daniel:
„Warum den?“
„Weil ich da nichts machen will.“
„Wir könnten—“
Chris hebt den Blick.
Daniel stoppt.
„Okay.“
Chris legt den Stift hin.
„Siehst du.“
„Was?“
„Welt steht noch.“
Daniel schaut demonstrativ aus dem Fenster.
„Knapp.“
—
Die Fahrt führt talwärts.
Diesmal schaut Chris tatsächlich hinaus.
Nicht die ganze Zeit.
Er beantwortet Nachrichten.
Schickt zwei Sprachnachrichten.
Lacht über irgendeinen Clip von Sepp.
Dann legt er das Telefon wieder weg.
Draußen werden aus Felsen langsam Bäume.
Aus Bäumen Häuser.
Aus einzelnen Häusern Straßen.
Und aus den Straßen irgendwann dieses warme, verstreute Licht, das von oben so klein ausgesehen hatte.
Jetzt kommt es näher.
Fenster.
Tankstellen.
Parkplätze.
Schilder.
Menschen.
Empfang.
Vier Balken.
Chris schaut kurz aufs Display.
„Übertrieben.“
Daniel:
„Was?“
„Vier.“
Daniel sieht aufs Handy.
„Beschwer dich.“
„Mach ich gerade.“
—
Die nächste Location liegt nicht oben.
Kein Grat.
Keine Hütte.
Kein Schnee.
Eine Halle am Rand einer größeren Stadt.
Von außen grau.
Zweckmäßig.
Hinten Laderampe.
Vorne bereits Menschen.
Viele.
Chris sieht sie durch die Scheibe.
Einige tragen Shirts mit Schriftzügen aus den Songs.
Einer hält ein Schild hoch.
**KEIN EMPFANG. TROTZDEM DA.**
Chris lacht.
Daniel sieht es.
„Dein Ruhemodus ist vermarktet.“
Chris:
„Ich kündige.“
Daniel:
„Wem?“
Chris:
„Irgendwann finde ich jemanden.“
—
Drinnen ist alles anders als am Grat.
Türen.
Funkgeräte.
Rollcases.
Kabel.
Gaffer Tape.
Monitore.
Menschen mit Headsets.
Jemand kommt auf Chris zu.
„Wir müssten nur kurz—“
Chris bleibt stehen.
Daniel hinter ihm beginnt bereits zu lachen.
Die Frau mit dem Headset sieht zwischen beiden hin und her.
„Was?“
Chris:
„Nichts. Lange Geschichte.“
—
Foto.
Kurze Abstimmung.
Technik.
Ablauf.
Presse.
Ein paar Fragen.
Dann Soundcheck.
Der Betrieb ist wieder da.
Vollständig.
Und Chris merkt etwas, womit er nicht gerechnet hat:
Er hat ihn vermisst.
Nicht die Fragen.
Nicht das Telefon.
Nicht das Wort *kurz*.
Den Rest.
Den leeren Raum vor dem Einlass.
Das dumpfe Geräusch einer Kick in einer noch kalten Halle.
Techniker, die über Frequenzen diskutieren.
Daniel, der irgendwo etwas organisiert.
Nina, die drei Dinge gleichzeitig weiß.
Das erste Licht auf der Bühne.
Diese Minuten, bevor aus einem Gebäude ein Abend wird.
Chris steht am Mikrofon.
„Nochmal.“
Kick.
Bass.
Noch einmal.
Er nickt.
„Ja.“
—
Nina kommt von hinten.
„Du bist heute angenehm.“
Chris dreht sich um.
„Wie bitte?“
„Nichts.“
„Nein, nein.“
Sie geht weiter.
Chris zu Daniel:
„Hast du das gehört?“
Daniel:
„Nein.“
„Feigling.“
—
Beim Einlass hört man die Menschen zuerst nur durch die Wände.
Ein tiefes Gemisch aus Stimmen.
Dann Türen.
Dann Bewegung.
Die Halle füllt sich.
Chris steht seitlich hinter einem Vorhang und sieht zu.
Nicht versteckt.
Nur außerhalb des Blicks.
Menschen suchen Plätze.
Treffen Freunde.
Holen Getränke.
Zeigen auf die Bühne.
Ein paar tragen Caps wie seine.
Das ist ihm schon öfter aufgefallen.
Heute sieht er genauer hin.
Nicht alles hier dreht sich um ihn.
Eigentlich fast nichts.
Für die meisten ist das ein Abend mit Freunden.
Eine Fahrt.
Ein Ticket.
Ein Bier.
Ein Foto.
Vielleicht ein Song, den sie mögen.
Dann morgen wieder Arbeit.
Chris findet den Gedanken angenehm.
Er ist Mittelpunkt der Bühne.
Nicht Mittelpunkt der Welt.
Das reicht völlig.
—
Daniel tritt neben ihn.
„Voll.“
Chris:
„Sehe ich.“
„Ausverkauft.“
Chris dreht den Kopf.
„Das wolltest du sagen.“
Daniel:
„Ja.“
„Dann sag’s.“
„Ausverkauft.“
Chris sieht wieder hinaus.
Früher hätte das Wort einen anderen Klang gehabt.
Beweis.
Bestätigung.
Gewonnen.
Heute freut es ihn einfach.
„Geil.“
Daniel grinst.
„Ja.“
Mehr braucht es nicht.
—
Die Show startet.
Licht aus.
Lärm an.
Und Chris ist sofort wieder drin.
Keine Eingewöhnung.
Keine Distanz.
Der Körper kennt das inzwischen.
Bühnenkante.
Monitor.
Licht.
Publikum.
Atmung.
Einsatz.
—
Jodeltime funktioniert längst ohne Erklärung.
Die ersten Rufe kommen, bevor Chris sie verlangt.
Bei Bergbeben bewegt sich der Boden.
Bei Echojäger teilen sich die Seiten selbst auf.
Bei Alm auf Anschlag ruft jemand:
„REGAL!“
Chris bleibt mitten auf der Bühne stehen.
„Das verfolgt mich jetzt für immer, oder?“
Die Antwort ist eindeutig.
„REGAL! REGAL! REGAL!“
Chris:
„Großartig.“
—
Bei Gipfelstrom hält jemand ein Handy hoch.
Darauf läuft eine Animation mit Blitzen.
Chris sieht es.
„Wir haben heute ein Gewitterbudget von null.“
Gelächter.
„Also bitte nicht enttäuscht sein.“
Von hinten:
„MACH BLITZ!“
Chris:
„Ja, Moment.“
Er dreht sich zur Technik.
„Könnt ihr Natur?“
Ein Techniker über Talkback:
„Aufpreis.“
Chris:
„Kapitalismus.“
—
Lawinenchor wird noch größer.
Eine Stimme.
Dann zehn.
Dann der ganze Raum.
Chris hört wieder diesen Moment, in dem seine eigene Stimme im Publikum verschwindet.
Er mag ihn inzwischen.
Er kämpft nicht dagegen an.
Er lässt sie.
—
Dann kommt Kein Empfang am Grat.
Chris steht kurz still.
Nicht lange.
Nur anders.
Das Publikum kennt den Song.
Natürlich.
Ein paar Telefone gehen hoch.
Viele.
Chris sieht die Displays.
Kleine Rechtecke im Dunkeln.
Und muss ausgerechnet darüber grinsen.
—
Er beginnt.
Keine große Ansage.
Keine Erklärung, was der Song für ihn bedeutet.
Er weiß es selbst erst seit Kurzem.
Der Track läuft.
Ruhiger als der Rest.
Mehr Raum.
Weniger Druck.
Und die Halle geht tatsächlich mit.
Nicht jeder Moment braucht Abriss.
Das ist neu für dieses Projekt.
Vielleicht sogar wichtiger als gedacht.
—
Während des letzten Teils nimmt Chris das Mikrofon etwas herunter.
Die Leute singen.
Er schaut in die Halle.
Dann denkt er an die Bank.
Schief.
Wind.
Kein Netz.
Und jetzt steht er wieder hier.
Licht.
Bass.
Menschen.
Vier Balken wahrscheinlich.
Beides stimmt.
Das ist die eigentliche Überraschung.
Er musste sich nicht entscheiden.
—
Nach dem Song bleibt es kurz ruhig.
Dann Applaus.
Nicht explosiv.
Breit.
Chris nickt.
„Danke.“
Nur das.
Dann:
„Jetzt reicht’s aber mit Gefühl.“
Der nächste Track knallt rein.
Die Halle lacht und springt gleichzeitig.
Daniel steht seitlich.
Schüttelt den Kopf.
—
Nach der Show ist der Flur voll.
Menschen.
Crew.
Veranstalter.
Fotos.
Hände.
Fragen.
Chris bleibt länger als geplant.
Wieder.
Aber diesmal merkt er irgendwann selbst:
Genug.
Er dreht sich zu Daniel.
„Ich bin weg.“
Daniel schaut überrascht.
„Okay.“
Kein:
*Nur noch fünf.*
Kein:
*Da wartet noch jemand.*
Nur:
„Okay.“
Chris bleibt stehen.
„Das war einfach.“
Daniel:
„Ich bin lernfähig.“
„Langsam.“
„Trotzdem.“
—
Auf dem Weg zum Ausgang kommt eine Frau auf Chris zu.
Mit einem Jungen.
Vielleicht zwölf.
Der Junge hält eine Cap in der Hand.
Sagt nichts.
Die Mutter:
„Entschuldigung, wirklich nur kurz.“
Chris und Daniel sehen sich gleichzeitig an.
Die Frau bemerkt es.
„Hab ich was Falsches gesagt?“
Chris lacht.
„Nein.“
Er geht in die Hocke.
„Was ist los?“
Der Junge hält ihm die Cap hin.
„Kannst du unterschreiben?“
„Klar.“
Chris unterschreibt.
Der Junge schaut darauf.
Dann:
„Kein Empfang ist mein Lieblingssong.“
Chris hält kurz inne.
„Echt?“
Der Junge nickt.
„Warum?“
Die Mutter sieht zu ihrem Sohn.
Der zuckt mit den Schultern.
„Weil da nicht so viel passiert.“
Chris muss lachen.
Nicht über ihn.
Weil die Antwort perfekt ist.
„Versteh ich.“
—
Draußen ist die Luft kalt.
Keine Bergluft.
Stadt.
Asphalt.
Autos.
Licht.
Die Halle hinter ihm leuchtet über den Parkplatz.
Menschen kommen heraus.
Gruppen lösen sich auf.
Taxis fahren vor.
Irgendwo hupt jemand.
Daniel kommt mit zwei Flaschen aus der Tür.
Hält Chris eine hin.
Chris schaut darauf.
„Was ist das?“
„Apfelschorle.“
Chris nimmt sie.
„Du kennst mich.“
Daniel:
„Leider.“
—
Sie gehen zum Wagen.
Chris bleibt kurz stehen.
Weiter hinten sieht man die Stadt.
Nicht von oben.
Jetzt auf Augenhöhe.
Fenster.
Straßenlaternen.
Reklame.
Ampeln.
Alles brennt.
Nicht wirklich.
Aber so sieht es aus.
Nach dem Grat wirkt jedes Licht heller.
—
Daniel öffnet die Tür.
„Kommst du?“
Chris:
„Ja.“
Er bleibt trotzdem noch einen Moment.
Daniel wartet.
Keine Aufforderung.
Kein *kurz*.
Gut.
—
Chris sieht auf die Halle.
Dann auf die Stadt.
Er denkt nicht:
*Ich will zurück auf den Berg.*
Noch nicht.
Er denkt:
*Gut, wieder hier zu sein.*
Auch das muss stimmen dürfen.
—
Im Wagen geht das Telefon an.
Nachrichten.
Clips.
Neue Zahlen.
Daniel beginnt:
„Die heutigen—“
Chris hebt einen Finger.
Daniel stoppt.
Chris:
„Morgen.“
Daniel:
„Okay.“
Chris legt das Handy neben sich.
Display nach unten.
—
Der Wagen fährt los.
Straßenlaternen ziehen über die Scheiben.
Hell.
Dunkel.
Hell.
Dunkel.
Die Stadt gleitet vorbei.
Weiter hinten verschwindet die Halle.
Vor ihnen wartet bereits der nächste Ort.
—
Chris lehnt den Kopf an die Scheibe.
Nicht erschöpft.
Nicht überfordert.
Nur ruhig genug, um zu merken, dass sich etwas verschoben hat.
Vor dem Grat war Ruhe das, was zwischen zwei Dingen übrig blieb.
Jetzt ist sie etwas Eigenes.
Etwas, das man wählen kann.
Und genau deshalb kann Chris wieder mitten in den Lärm gehen, ohne ihn sofort mit allem zu verwechseln, was er ist.
—
Daniel tippt neben ihm.
Chris:
„Arbeitest du?“
„Ja.“
„Furchtbar.“
„Du auch.“
Chris:
„Ich sitze.“
Daniel:
„Professionell.“
Chris schaut hinaus.
Lichter ziehen talwärts an ihnen vorbei.
Dann grinst er.
„Sehr.“
Die Straße führt weiter hinunter.
Das Netz ist wieder da.
Die Bühne auch.
Die Menschen sowieso.
Und überall unter ihnen brennt das Licht.
Diesmal fährt Chris freiwillig darauf zu.
—
