KEIN EMPFANG AM GRAT
Die Geschichte
Ein Balken.
Dann keiner.
Chris hält das Telefon etwas höher.
Als würde das helfen.
Tut es nicht.
Er dreht sich ein Stück.
Noch einmal.
Display an.
Nichts.
„Perfekt.“
Er steckt das Handy wieder ein.
Zum ersten Mal seit Tagen klingt das Wort nicht ironisch.
—
Der Weg zieht sich schmal am Hang entlang.
Kies unter den Schuhen.
Fels auf der einen Seite.
Auf der anderen fällt das Gelände ab.
Weiter unten liegt das Tal.
Klein.
Fast unwirklich.
Daniel ist nicht dabei.
Nina auch nicht.
Keine Crew.
Kein Veranstalter.
Kein Funkgerät.
Nur Chris.
Und ein Weg, der irgendwann einfach weiter oben endet.
—
Eigentlich war das nicht geplant.
Das gefällt ihm inzwischen an den besten Dingen.
Nach Lawinenchor hatte Daniel noch eine Liste gehabt.
Natürlich.
Chris hatte sie gesehen.
Nicht gelesen.
Dann eine Fahrt.
Dann Unterkunft.
Dann am nächsten Tag weiter.
Zwischendrin ein freies Fenster.
Kein großes.
Aber genug.
Chris hatte gesagt:
„Ich geh raus.“
Daniel:
„Wohin?“
Chris:
„Da.“
Er hatte auf einen Berg gezeigt.
Daniel:
„Sehr präzise.“
Chris:
„Hab ich von dir.“
—
Eine Weile hatte Daniel versucht, ihm einen Fahrer anzudrehen.
Dann jemanden, der mitgeht.
Dann wenigstens eine konkrete Route.
Chris hatte irgendwann gesagt:
„Ich will einfach laufen.“
Daniel hatte ihn angesehen.
Nicht überzeugt.
Aber klug genug, irgendwann aufzuhören.
„Handy anlassen.“
Chris:
„Ja.“
„Wirklich.“
„Ja.“
Daniel:
„Standort—“
Chris:
„Daniel.“
Pause.
„Handy bleibt an.“
Das hatte gereicht.
—
Jetzt ist das Handy an.
Bringt nur nichts.
Chris muss darüber lachen.
—
Der Weg steigt weiter.
Kein Empfang.
Kein Ton.
Keine Nachricht.
Keine Vibration.
Nichts.
Am Anfang prüft Chris trotzdem.
Automatisch.
Hand raus.
Display.
Kein Netz.
Wieder weg.
Ein paar Schritte später:
Noch einmal.
Nichts.
Dann hört er irgendwann auf.
—
Das Merkwürdige ist nicht die Stille.
Die kennt er.
Hotelzimmer.
Backstage.
Autos.
Bühnen vor Einlass.
Stille gibt es überall.
Das hier ist anders.
Weil niemand sie unterbrechen kann.
—
Er bleibt stehen.
Schaut nach unten.
Die Stadt ist weit genug weg, dass sie nichts fordert.
Nur ein paar Flächen.
Dächer.
Straßen.
Später wahrscheinlich Licht.
Von hier oben sieht alles aus, als hätte es Zeit.
—
Chris zieht das Telefon noch einmal heraus.
Ein Balken taucht kurz auf.
Dann weg.
Er sieht das Symbol.
Flugmodus.
Sein Daumen bleibt darüber.
Dann denkt er:
Wozu?
Hier gibt es sowieso nichts zu drehen.
Er steckt das Gerät wieder ein.
—
Zum ersten Mal seit dem ersten Soundcheck in Sepps Hütte will niemand etwas schnell.
Kein Veranstalter braucht eine Entscheidung.
Kein Booker will eine Zusage.
Keiner fragt nach einem Clip.
Keiner schickt ein Video.
Kein Mensch schreibt:
**Kannst du kurz—**
Chris merkt, wie sehr ihm genau dieser Satz inzwischen auffällt.
Noch nicht als Problem.
Eher wie ein Geräusch, das man plötzlich überall hört, sobald man es einmal bemerkt hat.
—
Er geht weiter.
Der Wind kommt quer über den Grat.
Nicht stark.
Nur kalt genug.
Weiter hinten steht eine Bank.
Schief.
Zwischen Fels und Gras.
Sie sieht aus, als hätte niemand sie seit Jahren beachtet.
Chris bleibt davor stehen.
„Du hast es verstanden.“
Die Bank reagiert nicht.
Gut.
—
Er setzt sich.
Das Telefon bleibt in der Tasche.
—
Nichts passiert.
Das irritiert ihn.
—
Er wartet.
Vielleicht fünf Minuten.
Vielleicht länger.
Er schaut nicht nach.
Kein Grund.
Kein Kalender.
Keine Uhr an der Wand.
Nur der Schatten, der langsam über eine Felskante zieht.
—
Chris lehnt sich zurück.
Hört Wind.
Ein Vogel irgendwo weiter unten.
Kies, wenn er den Schuh bewegt.
Sonst nichts.
—
Er denkt nicht besonders tief.
Das überrascht ihn fast mehr als die Ruhe.
Keine große Erkenntnis.
Kein Karrierefilm.
Kein innerer Monolog darüber, was Erfolg bedeutet.
Einfach sitzen.
Das funktioniert erstaunlich gut.
—
Irgendwann sagt er laut:
„Krass.“
Niemand antwortet.
Chris nickt.
„Auch gut.“
—
Dann ruft er über den Hang:
„Ho-la-re-i!“
Die Stimme geht raus.
Wird klein.
Verschwindet.
Chris wartet.
Lange.
Dann:
„…Ho-la-re-i!“
Er richtet sich auf.
Die Antwort kommt vom anderen Grat.
Oder von irgendwo dazwischen.
Mensch?
Echo?
Keine Ahnung.
Chris grinst.
„Siehst du.“
Pause.
„Geht auch ohne Netz.“
—
Das Telefon in seiner Tasche bleibt still.
Und plötzlich merkt Chris etwas.
Nicht dass er niemanden erreichen kann.
Dass ihn niemand erreichen kann.
Der Unterschied ist größer, als er gedacht hätte.
—
Unten funktionieren wahrscheinlich gerade Dinge.
Daniel schreibt.
Nina plant.
Irgendwer lädt irgendeinen Clip hoch.
Vielleicht fragt jemand nach einem Termin.
Vielleicht fehlen Entscheidungen.
Vielleicht wartet eine Antwort.
Chris sitzt trotzdem hier.
Und nichts fällt auseinander.
—
Das ist neu.
—
Er denkt an die letzten Wochen.
Hütten.
Hallen.
Bühnen.
Regen.
Gewitter.
Menschen.
Rufe.
Anfragen.
Listen.
Videos.
Immer Antwort.
Auf alles.
Fast automatisch.
Telefon.
Nachricht.
Reaktion.
Weiter.
Jetzt passiert seit einer ganzen Weile:
nichts.
Und erstaunlicherweise funktioniert das auch.
—
Chris zieht das Handy raus.
Kein Netz.
Akku niedrig.
Er dreht es in der Hand.
Dann steckt er es wieder weg.
Nicht nervös.
Keine Suche nach einem Balken.
Einfach weg.
—
Weiter oben führt ein kleiner Pfad Richtung Grat.
Chris steht auf.
Geht.
Langsamer als sonst.
Nicht weil er müde ist.
Weil niemand wartet.
—
Der Satz gefällt ihm.
Niemand wartet.
Natürlich stimmt er wahrscheinlich nicht.
Daniel wartet vermutlich auf irgendeine Rückmeldung.
Vielleicht mehrere Leute.
Aber hier oben ist das nicht sichtbar.
Und was nicht sichtbar ist, kann für einen Moment warten.
—
Der Wind wird stärker.
Chris zieht die Jacke zu.
Ein paar Wolken ziehen auseinander.
Eine Seite des Hangs wird heller.
Unten ist die Straße nur noch eine dünne Linie.
—
Er denkt an Gipfelstrom.
Damals hatte der Berg alles verstärkt.
Blitz.
Bass.
Menschen.
Heute macht er das Gegenteil.
Er nimmt etwas weg.
Signal.
Lärm.
Tempo.
Und Chris merkt, dass beides funktioniert.
—
Am Grat bleibt er stehen.
Kein Foto.
Der Impuls ist da.
Kurz.
Telefon raus.
Kamera.
Bild.
Vielleicht posten.
Vielleicht speichern.
Dann lässt er es.
—
Nicht alles braucht später einen Beweis.
Der Gedanke kommt beiläufig.
Fast unspektakulär.
Chris findet ihn gut.
—
Er steckt das Telefon tiefer in die Jacke.
Schaut einfach.
—
Unten beginnt die Stadt langsam heller zu werden.
Erste Fenster.
Dann mehr.
Straßen ziehen sich durch das Tal.
Von hier oben sehen die Lichter klein aus.
Nicht wie Termine.
Nicht wie Bühnen.
Einfach wie Punkte.
—
Chris hört hinter sich Schritte.
Ein älterer Wanderer kommt den Weg entlang.
Rucksack.
Mütze.
Stöcke.
Kein Handy in der Hand.
Er nickt.
„Servus.“
Chris:
„Servus.“
Der Mann geht vorbei.
Dann bleibt er kurz stehen.
Schaut Chris nochmal an.
Chris wartet.
Vielleicht erkannt.
Vielleicht nicht.
Der Mann:
„Schön hier, oder?“
Chris schaut ins Tal.
„Sehr.“
„Wird kalt.“
„Merke ich.“
Der Mann nickt.
„Dann noch einen schönen Weg.“
„Danke.“
Und geht.
—
Chris sieht ihm nach.
Kein Foto.
Kein Name.
Kein:
**Bist du nicht—**
Nichts.
Nur ein Mann, der findet, dass es schön ist.
Chris muss lächeln.
—
Weiter unten setzt er sich noch einmal auf einen Stein.
Er hört plötzlich, wie lächerlich laut ein Reißverschluss sein kann, wenn sonst nichts passiert.
Dann Wind.
Dann wieder Ruhe.
—
Ein Gedanke kommt.
Vielleicht verpassen sie ihn gerade.
Vielleicht verpasst er gerade etwas.
Chris lässt beides kurz stehen.
Dann:
„Wird schon wichtig gewesen sein.“
Er lacht.
Allein.
—
Das ist der erste Moment, in dem die Sache gefährlich werden könnte.
Nicht weil Chris wegwill.
Will er nicht.
Nicht weil ihm die Shows zu viel sind.
Sind sie nicht.
Er freut sich auf die nächste.
Auf die Bühne.
Auf die Leute.
Auf den Wahnsinn.
Das Problem ist viel kleiner.
Und deshalb wahrscheinlich wichtiger.
Er weiß jetzt, dass es auch einen Zustand ohne all das gibt.
Und dass er ihn mag.
—
Der Wind dreht.
Chris steht auf.
Zeit runterzugehen.
Nicht weil jemand ihn ruft.
Einfach weil er selbst zurückwill.
Das ist entscheidend.
—
Er geht denselben Weg zurück.
Kies.
Fels.
Tal.
Die Lichter werden größer.
Irgendwann zieht er das Handy heraus.
Noch immer nichts.
Dann ein Balken.
Zwei.
Das Gerät vibriert sofort.
Einmal.
Noch einmal.
Dann fast ohne Pause.
Chris bleibt stehen.
Schaut aufs Display.
Nachrichten.
Viele.
Sehr viele.
Er scrollt nicht.
Nur die Zahl oben.
Siebenundvierzig.
Chris hebt die Augenbrauen.
„Ah.“
—
Noch eine Vibration.
Dann noch eine.
Der normale Zustand kommt zurück, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Daniel.
Nina.
Booker.
Crew.
Unbekannte Nummer.
Mehrere Gruppen.
Clips.
Termine.
Fragen.
—
Chris schaut auf das Flugmodus-Symbol.
Diesmal denkt er nicht lange nach.
Klick.
Stille.
—
Das Telefon verstummt.
Chris steckt es ein.
Dann geht er weiter.
—
Unten an der Unterkunft steht Daniel draußen.
Arme verschränkt.
Nicht wütend.
Aber nah dran.
Chris kommt den Weg herunter.
Daniel:
„Du lebst.“
Chris:
„Offensichtlich.“
„Kein Netz.“
„Auch offensichtlich.“
„Ich hab versucht—“
Chris:
„Siebenundvierzig Nachrichten.“
Daniel schaut ihn an.
„Mehr.“
Chris:
„Hab bei siebenundvierzig aufgehört.“
Daniel:
„Warum warst du dann wieder weg?“
Chris zieht das Telefon raus.
Zeigt Flugmodus.
Daniel starrt darauf.
Dann auf Chris.
„Absichtlich?“
Chris:
„Für den Rest vom Weg.“
Daniel sagt nichts.
—
Chris wartet auf die Ansage.
Sie kommt nicht.
Daniel schaut nur kurz Richtung Berg.
Dann wieder zu Chris.
„Gut?“
Chris:
„Sehr.“
„Wirklich?“
„Ja.“
Pause.
„Ich hab einfach gesessen.“
Daniel:
„Krass.“
Chris:
„Ich weiß.“
—
Daniel reicht ihm eine Tasche.
„Wir müssen gleich—“
Er stoppt selbst.
Chris sieht ihn an.
Daniel korrigiert:
„Später.“
Chris grinst.
„Fortschritt.“
—
Drinnen wartet kein Meeting.
Keine Krise.
Keine schlechte Nachricht.
Nur Essen.
Und eine Liste.
Natürlich eine Liste.
Chris setzt sich.
Daniel legt sie daneben.
Chris schaut nicht drauf.
Noch nicht.
—
Nina kommt rein.
„Da bist du ja.“
Chris:
„Anscheinend.“
„Wir haben dich gesucht.“
„Schlecht.“
„Offensichtlich.“
Daniel:
„Er hatte keinen Empfang.“
Nina:
„Hab ich irgendwann verstanden.“
Chris:
„Lernkurve.“
—
Sie setzt sich.
„War’s wenigstens gut?“
Chris denkt kurz nach.
„Ja.“
„Was hast du gemacht?“
„Nichts.“
Nina wartet.
„Und?“
Chris:
„Kann ich empfehlen.“
—
Sie lacht.
Daniel nicht.
Er schaut Chris etwas länger an.
Nicht besorgt.
Nur aufmerksam.
Als hätte er gerade etwas registriert.
Chris bemerkt es.
Sagt nichts.
—
Später liegt das Telefon auf dem Tisch.
Flugmodus aus.
Nachrichten beantwortet.
Ein paar Termine bestätigt.
Andere verschoben.
Nichts ist passiert.
Kein Projekt zerstört.
Keine Bühne verschwunden.
Kein Veranstalter gestorben.
Die Welt hat diese Lücke ausgehalten.
Das merkt Chris sich.
Nicht bewusst.
Noch nicht.
Aber irgendwo bleibt es hängen.
—
Auf seinem Display wartet ein neues Video.
Lawinenchor.
Eine Stimme wird zehn.
Chris schaut kurz.
Dann sperrt er das Telefon.
—
Draußen sieht er den Grat.
Nur als dunkle Linie.
Irgendwo dort oben steht eine schiefe Bank.
Kein WLAN.
Kein Ladegerät.
Kein Termin.
Und ein Vogel, der offenbar auch nichts versteht.
Chris grinst.
—
Daniel kommt vorbei.
„Morgen geht’s weiter.“
Chris:
„Gut.“
Das meint er auch.
—
Er will zurück.
Zur Bühne.
Zu den Leuten.
Zu dem ganzen Lärm.
Aber jetzt kennt er etwas, das vorher nicht existiert hat.
Eine Gegenrichtung.
Kein Fluchtweg.
Noch lange nicht.
Nur einen Zustand.
Einen Balken.
Dann keinen.
Und plötzlich war nichts kaputt.
Das wird später wichtig.
Viel später.
Für heute reicht:
Kein Empfang am Grat.
Und zum ersten Mal muss niemand antworten.
—
