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Alpengift · KAPITEL 7

IM SCHATTEN DER FÖHRE

Zweiter Schnitt – Original-Artwork auf SoundCloud

IM SCHATTEN DER FÖHRE

Die Geschichte

Chris geht nicht bis zum Gipfel.

Das stellt er irgendwann fest, ohne darüber abstimmen zu müssen.

Der Grat liegt noch vor ihm, verschwindet stellenweise im Nebel und taucht weiter hinten wieder auf. Er könnte weitergehen.

Vermutlich.

Sein Knie hält.

Vermutlich.

Das Wetter vielleicht auch.

Vermutlich.

Drei Vermutungen sind für einen vernünftigen Plan bereits erstaunlich viele.

Chris bleibt stehen.

Schaut nach vorn.

Dann zurück.

„Reicht."

Das Wort kommt ohne Enttäuschung.

Keine Niederlage.

Keine Rechtfertigung.

Einfach eine Entscheidung.

Er dreht um.

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Der Rückweg fühlt sich nicht wie derselbe Weg an.

Bergab sieht man andere Dinge.

Stellen, an denen Chris beim Aufstieg nur auf den nächsten Tritt geachtet hat, öffnen plötzlich den Blick ins Tal.

Andere wirken steiler, als er sie in Erinnerung hat.

Bei einer Passage bleibt er stehen.

„Da bin ich hoch?"

Der Berg bestätigt nichts.

Chris betrachtet die Stelle.

„Fragwürdige Entscheidung."

Dann geht er weiter.

Langsam.

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Das Knie mag bergab weniger.

Das teilt es ihm zuverlässig mit.

Jeder größere Schritt schickt einen dumpfen Schmerz durch das Bein.

Chris beginnt, kleinere Schritte zu machen.

Nicht elegant.

Aber effektiv.

Nach einer Weile hört er Stimmen.

Die Familie.

Der ältere Mann und seine beiden Söhne sitzen auf einem Felsvorsprung.

Alle drei.

Diesmal wartet niemand weiter oben.

Der ungeduldige Sohn sieht Chris.

„Schon zurück?"

Chris nickt.

„Ja."

„Gipfel?"

„Nein."

Der Mann schaut überrascht.

„Warum nicht?"

Chris zeigt auf sein Knie.

„Weil ich das gern noch ein paar Jahre behalten würde."

Der Vater lacht.

Der Sohn nicht.

„Aber du warst doch fast—"

Chris hebt die Hand.

„Keine Ahnung."

„Hättest du doch noch durchziehen können."

Chris schaut ihn an.

Nicht böse.

Fast neugierig.

„Wofür?"

Der junge Mann öffnet den Mund.

Schließt ihn wieder.

Sein Bruder grinst.

Der Vater sagt:

„Lernmoment."

„Papa."

Chris geht weiter.

Hinter sich hört er den Vater lachen.

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Tobias begegnet ihm nicht.

Vielleicht ist er längst unten.

Vielleicht hat er irgendwo eine andere Route genommen.

Vielleicht sitzt er auf einem Stein und übt, nicht Erster zu sein.

Chris gefällt die dritte Variante.

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Die Wolken bleiben weiter oben zurück.

Je tiefer Chris kommt, desto wärmer wird die Luft.

Das Geröll weicht festerem Boden.

Dann tauchen die ersten niedrigen Sträucher auf.

Später einzelne Bäume.

Chris bemerkt den Übergang diesmal bewusst.

Die Baumgrenze.

Nur von der anderen Seite.

Beim Hinaufgehen hatte sie wie eine Schwelle gewirkt.

Jetzt wirkt sie eher wie eine Rückkehr.

Nicht nach Hause.

Nur zurück in eine Welt, die wieder Wände hat.

Stämme.

Äste.

Schatten.

Geräusche, die nicht vom Wind kommen.

Chris geht hinein.

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Nach der offenen Fläche wirkt der Wald fast voll.

Zu voll.

Überall etwas.

Rinde.

Moos.

Nadeln.

Wurzeln.

Insekten.

Das Knacken trockener Zweige.

Der Geruch von Erde.

Harz.

Feuchtigkeit.

Chris merkt erst jetzt, wie lange er fast nur Stein gerochen hat.

Er atmet tief ein.

„Besser."

Worauf sich das bezieht, weiß er selbst nicht genau.

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Sein Telefon bleibt ausgeschaltet.

Das ist inzwischen weniger Entscheidung als Zustand.

Es steckt im Rucksack.

Nicht einmal mehr in der Jackentasche.

Fortschritt.

Oder schlechte Erreichbarkeit.

Martin würde vermutlich Letzteres sagen.

Chris grinst.

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Der Weg führt tiefer zwischen die Bäume.

Hier ist kaum jemand unterwegs.

Die meisten nehmen offenbar die breitere Route weiter unten.

Chris folgt einem schmalen Pfad.

Nicht weil er weiß, wohin er führt.

Er hat sich in dieser Hinsicht deutlich entspannt.

Das könnte später noch problematisch werden.

Im Moment nicht.

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Dann sieht er die Föhre.

Sie steht ein Stück abseits.

Nicht besonders groß.

Nicht beeindruckend symmetrisch.

Der Stamm wächst leicht schräg aus dem Hang, teilt sich weiter oben und trägt eine Krone, die aussieht, als hätte sie mehrere Winter persönlich genommen.

Ein paar Äste sind trocken.

Andere grün.

Die Rinde ist dick, rissig, stellenweise fast orangebraun.

Chris bleibt davor stehen.

„Du siehst auch fertig aus."

Die Föhre schweigt.

„Sympathisch."

Er geht hin.

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Unter dem Baum ist der Boden trocken.

Ein Teppich aus Nadeln.

Ein paar Zapfen.

Steine.

Wurzeln, die aus der Erde kommen und wieder darin verschwinden.

Chris stellt den Rucksack ab.

Setzt sich mit dem Rücken an den Stamm.

Sofort steht er wieder auf.

„Scheiße."

Das Knie.

Er dreht sich.

Setzt sich vorsichtiger.

Diesmal funktioniert es.

„Würde ich gern behaupten, das war Absicht."

Niemand da, den es interessiert.

Gut.

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Chris lehnt den Kopf zurück.

Über ihm bewegen sich die Zweige.

Nicht viel.

Der Wind hier unten ist schwächer.

Nur die trockenen Spitzen reiben gelegentlich gegeneinander.

Ein raues, leises Geräusch.

Fast wie Papier.

Chris schließt die Augen.

Zum ersten Mal seit dem Aufstieg muss er nirgendwohin.

Nicht zum nächsten Tritt.

Nicht um einen Felsen.

Nicht über eine Engstelle.

Nicht weiter.

Einfach sitzen.

Das stellt sich als überraschend anspruchsvoll heraus.

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Nach kurzer Zeit öffnet Chris die Augen wieder.

Er sieht auf den Rucksack.

Das Telefon darin.

Nur ein Reißverschluss entfernt.

Was wohl passiert ist?

Wie viele Nachrichten?

Hat Daniel geschrieben?

Martin?

Wie viele Anrufe?

Ist irgendwo etwas eskaliert?

Hat jemand eine Entscheidung gebraucht?

Ist irgendetwas veröffentlicht worden?

Hat Tobias das Foto wirklich nicht gepostet?

Chris greift zum Rucksack.

Stoppt.

Seine Hand liegt auf dem Reißverschluss.

Er betrachtet sie.

„Was genau machst du?"

Die Hand liefert keine Stellungnahme.

Chris zieht sie zurück.

Der Rucksack bleibt zu.

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Er fährt mit den Fingern über die Rinde.

Rau.

Warm.

Harz klebt an einer Stelle.

Chris zieht die Hand zurück.

Zu spät.

Ein glänzender Film liegt auf zwei Fingern.

Er reibt Daumen und Zeigefinger aneinander.

Klebt.

„Perfekt."

Er versucht, es an einem trockenen Blatt abzuwischen.

Das Blatt bleibt am Finger hängen.

Chris schaut es an.

„Noch besser."

Er schüttelt die Hand.

Das Blatt fällt ab.

Das Harz bleibt.

Natürlich.

Chris muss lachen.

Nach einem Berg aus Pech jetzt Harz.

Die Natur arbeitet offenbar mit Running Gags.

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Er betrachtet den Stamm genauer.

Tiefe Furchen.

Alte Verletzungen.

Eine Stelle, an der ein Ast abgebrochen ist.

Harz ist darübergelaufen und längst hart geworden.

Nichts wurde versteckt.

Keine glatte Oberfläche.

Kein Versuch, jünger auszusehen.

Der Baum trägt seine Jahre außen.

Chris streicht über eine alte Narbe.

„Mutig."

Dann hält er inne.

„Nein."

Schon wieder macht er es.

Der Baum ist nicht mutig.

Er ist ein Baum.

Er hat keine Markenstrategie.

Keine Selbstakzeptanz.

Keine Botschaft über Verletzlichkeit.

Chris schüttelt den Kopf.

„Lass den Baum in Ruhe."

Das gefällt ihm.

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Durch die Äste fällt Licht auf den Boden.

Schmale Streifen.

Sie bewegen sich langsam über Nadeln und Wurzeln.

Kein Spot.

Keine Dramaturgie.

Niemand hat das Licht programmiert.

Chris beobachtet einen hellen Fleck, der über seinen Schuh wandert.

Die Schuhe sind inzwischen eine Katastrophe.

Schwarz.

Braun.

Nass.

An manchen Stellen getrockneter Schlamm.

Er denkt an Tobias' Foto.

Dreckige Schuhe.

Kaputtes Knie.

Nasse Jacke.

Wahrscheinlich eines der ehrlicheren Bilder, die in letzter Zeit von ihm gemacht wurden.

Und ausgerechnet das wird vielleicht niemand sehen.

Chris lächelt.

Gut.

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Er nimmt die Jacke ab.

Legt sie neben sich.

Das Harz an seinen Fingern findet sofort den Ärmel.

Chris sieht den Fleck.

„Nein."

Er reibt.

Der Fleck wird größer.

Chris stoppt.

„Sehr gut."

Er betrachtet das Ergebnis.

Ein dunkler, klebriger Streifen.

„Teure Jacke."

Die Föhre zeigt keine Reue.

„Du zahlst das."

Nichts.

„Hab ich mir gedacht."

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Er lehnt sich wieder an.

Diesmal länger.

Gedanken kommen.

Natürlich.

Sie hatten offenbar nur darauf gewartet, dass die körperliche Arbeit aufhört.

Martin.

Daniel.

Emma.

Die Halle.

Die letzten Monate.

Ältere Dinge.

Viel ältere.

Menschen, die mit der Musik nichts zu tun haben.

Menschen, die Chris kannten, bevor irgendein Fremder seinen Namen auf ein Shirt druckte.

Eine Stimme taucht auf.

Seine Mutter.

Nicht ihr Gesicht zuerst.

Ein Satz.

So deutlich, dass Chris fast glaubt, ihn zu hören.

Er schaut auf.

Nur Wald.

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Der Satz ist alt.

So alt, dass er nicht mehr weiß, bei welcher Gelegenheit er gefallen ist.

Vielleicht Küche.

Vielleicht Auto.

Vielleicht Streit.

Er erinnert sich nur an die Worte.

Und an die Art, wie sie gesagt wurden.

Nicht besonders feierlich.

Mütter haben die unangenehme Eigenschaft, Sätze beiläufig zu sagen, die Jahrzehnte später noch irgendwo herumliegen.

Chris nimmt einen kleinen Ast vom Boden.

Bricht ihn zwischen den Fingern.

Der Satz bleibt.

Er lächelt.

„Ja, Mama."

Keine Antwort.

Das wäre dann doch etwas viel.

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Andere Stimmen kommen dazu.

Nicht wörtlich.

Mehr Erinnerungen an Gespräche.

Eines davon mit einem Mann, den Chris seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Damals Streit.

Nicht laut.

Schlimmer.

Diese kontrollierte Art von Streit, bei der beide Seiten darauf achten, möglichst vernünftig zu klingen, während sie sich präzise gegenseitig verletzen.

Chris erinnert sich an seine Argumente.

Sie waren gut.

Das ist das Problem.

Er hatte recht.

Zumindest in einigen Punkten.

Der andere ebenfalls.

Aber Chris war so beschäftigt damit gewesen, recht zu behalten, dass er irgendwann aufgehört hatte zuzuhören.

Später hatte er das Gespräch oft neu geführt.

Im Auto.

Unter der Dusche.

Im Bett.

Mit besseren Antworten.

Klugen Formulierungen.

Perfekten Sätzen.

In allen Versionen verstand der andere irgendwann.

In keiner saß er tatsächlich gegenüber.

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Chris nimmt das Notizbuch heraus.

Öffnet es.

Schließt es wieder.

Nein.

Nicht alles muss hinein.

Der Gedanke von gestern hat überlebt.

Gut.

Er legt das Buch neben sich.

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Ein Käfer läuft über eine Wurzel.

Schwarz.

Glänzend.

Ziemlich beschäftigt.

Chris beobachtet ihn.

Der Käfer verschwindet unter einem Stück Rinde.

„Auch Termine?"

Nichts.

Kurz darauf läuft eine Ameise über Chris' Schuh.

Dann noch eine.

Chris hebt den Fuß.

Die Ameise ändert ihre Route.

Kein Drama.

Kein Identitätsverlust.

Ein Hindernis.

Neue Richtung.

Weiter.

Chris sieht ihr nach.

„Ihr seid heute alle wahnsinnig lehrreich."

Er hält inne.

„Entschuldigung."

Er lehnt sich zurück.

Keine Metaphern mehr.

Mindestens fünf Minuten.

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Es werden vielleicht zwei.

Dann denkt Chris wieder.

Diesmal an eine andere Sache.

Eine offene Rechnung.

Nicht finanziell.

Das wäre einfacher.

Ein Mensch.

Eine Geschichte.

Ein Punkt, der nie richtig abgeschlossen wurde.

Immer wieder hatte Chris gedacht, er müsse noch etwas sagen.

Eine letzte Nachricht.

Eine Erklärung.

Vielleicht eine Entschuldigung.

Vielleicht eine Forderung.

Je nach Stimmung.

In manchen Versionen war er großzügig.

In anderen vernichtend.

An besonders schlechten Tagen beides gleichzeitig.

Er hatte die Sache im Kopf so oft neu verhandelt, dass sie dort wahrscheinlich mehr Lebenszeit bekommen hatte als in der Realität.

Chris greift nach einem Zapfen.

Dreht ihn in der Hand.

Was würde eine weitere Runde ändern?

Die Frage ist unangenehm konkret.

Vielleicht nichts.

Vielleicht würde sie nur beweisen, dass er noch immer mitspielt.

Chris legt den Zapfen zurück.

Heute nicht.

Nicht aus Vergebung.

Nicht aus Größe.

Nicht weil plötzlich alles gut wäre.

Einfach weil er keine Lust mehr hat, dieselbe Rechnung zum hundertsten Mal zu prüfen.

Das fühlt sich weniger erhaben an.

Dafür glaubwürdig.

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Chris schließt die Augen.

Wieder der Satz seiner Mutter.

Diesmal muss er lachen.

„Du hättest jetzt wahrscheinlich gesagt, ich soll nicht so viel denken."

Ein Ast knackt.

Chris öffnet ein Auge.

„Das zähl ich nicht als Antwort."

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Irgendwo weiter unten bewegt sich etwas.

Schritte.

Chris hört sie näher kommen.

Zwei Stimmen.

Ein Mann und eine Frau.

Sie erscheinen auf dem Pfad.

Beide bleiben kurz stehen, als sie Chris unter der Föhre sehen.

Die Frau schaut genauer.

Da ist wieder dieser Moment.

Chris kennt ihn inzwischen.

Erkennen.

Unsicherheit.

Abgleich.

Sie flüstert dem Mann etwas zu.

Er schaut.

Chris hebt leicht die Hand.

„Servus."

„Servus", sagt der Mann.

Die Frau lächelt.

Sie gehen weiter.

Nach ein paar Metern hört Chris sie leise reden.

Nicht was.

Nur dass.

Er wartet auf Schritte, die zurückkommen.

Keine.

Gut.

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Dann kommen sie doch.

Chris hebt den Kopf.

Die Frau steht wieder da.

Etwas verlegen.

„Entschuldigung."

Chris wartet.

„Bist du Chris Crumb?"

Chris schaut kurz zur Föhre.

Dann zurück.

„Kommt drauf an, ob du ein Foto willst."

Die Frau lacht.

„Eigentlich wollte ich nur sagen, dass mein Bruder deine Musik hört."

„Dein Bruder."

„Ja."

„Nicht du."

Sie grinst.

„Ich kenn ein paar Sachen."

„Diplomatisch."

Der Mann hinter ihr sagt:

„Sie kennt alles."

„Halt die Klappe."

Chris lacht.

Die Frau wird rot.

„Okay. Ich wollte dich nicht nerven."

„Tust du nicht."

Sie schaut auf seine Jacke.

Auf den Harzfleck.

„Das geht schlecht raus."

Chris schaut ebenfalls.

„Danke. Genau die Information hat mir gefehlt."

Sie lacht.

„Öl."

„Was?"

„Mit Öl. Später. Nicht jetzt dran rumreiben."

Chris betrachtet den inzwischen deutlich vergrößerten Fleck.

„Der zweite Teil der Information kommt etwas spät."

Der Mann lacht.

Die Frau auch.

„Sorry."

„Alles gut."

Kurze Pause.

Dann sagt sie:

„Kein Foto."

Chris schaut sie an.

„Okay."

„Du sitzt da so friedlich. Das würde irgendwie stören."

Chris lächelt.

„Heute sagen mir erstaunlich viele Leute, wann Fotos unangebracht sind."

„Vielleicht lernst du was."

„Unwahrscheinlich."

Sie verabschieden sich.

Gehen.

Diesmal kommen sie nicht zurück.

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Chris bleibt allein.

Der kleine Austausch verändert nichts.

Und genau deshalb gefällt er ihm.

Keine Bühne.

Kein Kreis von Menschen.

Kein Moment, der größer gemacht wird, als er ist.

Eine Frau.

Ihr Bruder hört seine Musik.

Harz geht mit Öl raus.

Nützliche Informationen.

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Chris sieht auf seine Hand.

Das Harz klebt noch immer.

Er reibt die Finger nicht mehr aneinander.

Lässt es einfach.

Später.

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Der Wald wird ruhiger.

Oder Chris hört genauer hin.

Das lässt sich schwer unterscheiden.

Er merkt, dass seine Gedanken ebenfalls langsamer geworden sind.

Nicht weg.

Martin ist noch da.

Die offene Rechnung auch.

Die alten Gespräche.

Die Fehler.

Die Menschen.

Nichts hat sich aufgelöst.

Kein magischer Nachmittag.

Keine Heilung unter einem Baum.

Gut.

Das wäre ohnehin verdächtig gewesen.

Aber die Dinge liegen anders.

Wie Gegenstände in einem Raum, nachdem jemand das Licht verändert hat.

Dieselben Formen.

Andere Schatten.

Chris gefällt das Bild.

Er greift zum Notizbuch.

Stoppt.

„Nein."

Er lässt es liegen.

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Eine Ameise läuft über die offene Seite.

Chris beobachtet sie.

Sie überquert:

**Macht ist eine Möglichkeit, die man nicht benutzen muss.**

Dann:

**Ich muss über niemandem stehen, um zu wissen, wo ich stehe.**

Die Ameise zeigt keinerlei erkennbare Verbesserung ihres Charakters.

Chris lacht.

„Kritiker."

Sie verschwindet am Rand.

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Irgendwann lehnt Chris den Kopf gegen den Stamm.

Die Rinde drückt unangenehm.

Er verschiebt ihn.

Noch immer.

Er legt die zusammengerollte Jacke dazwischen.

Dann fällt ihm der Harzfleck ein.

Zu spät.

„Scheiße."

Er zieht die Jacke hervor.

Ein zweiter Fleck.

Chris starrt sie an.

Dann nach oben in die Krone.

„Das wird persönlich."

Die Föhre macht einfach weiter.

Zweige.

Wind.

Nadeln.

Keine Entschuldigung.

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Chris lacht lange.

Nicht weil es besonders lustig wäre.

Vielleicht weil niemand da ist, vor dem er rechtzeitig wieder ernst werden muss.

Als er aufhört, tut sein Bauch weh.

Das Knie auch.

Die Hand.

Eigentlich ziemlich viel.

Er fühlt sich trotzdem gut.

Nicht großartig.

Nicht erlöst.

Gut reicht.

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Er sitzt weiter.

Ohne zu wissen, wie lange.

Das Licht wandert.

Ein heller Streifen liegt erst auf seinem Schuh, später auf der Wurzel daneben.

Der Schatten der Föhre verändert sich, ohne dass irgendjemand etwas dafür tun muss.

Chris denkt wieder an die Halle.

Dort wurde jeder Lichtwechsel geplant.

Sekundengenau.

Position.

Farbe.

Intensität.

Hier wandert die Sonne über einen Baum.

Keine Crew.

Keine Probe.

Kein Applaus.

Chris bemerkt den Vergleich.

„Nein."

Er weigert sich, auch daraus eine Weisheit zu bauen.

Manchmal ist Licht einfach Licht.

Er wird besser darin.

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Schließlich nimmt er den Rucksack zu sich.

Nicht um aufzubrechen.

Nur um etwas zu essen.

Dabei sieht er das Telefon.

Schwarz.

Chris nimmt es heraus.

Hält es.

Der Daumen liegt auf der Taste.

Er könnte es einschalten.

Diesmal fühlt es sich nicht mehr wie eine Bedrohung an.

Interessant.

Er drückt trotzdem nicht.

Noch nicht.

Er legt es neben sich.

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Er denkt an Daniel.

Wie er wahrscheinlich reagieren wird.

Chris verschwunden.

Telefon aus.

Irgendwo am Berg.

Mit kaputtem Knie.

Chris kann die Stimme fast hören.

**Sag mal, bist du komplett bescheuert?**

Wahrscheinlich.

Danach:

**Wie geht's dem Knie?**

Auch wahrscheinlich.

Chris lächelt.

Vielleicht sollte er sich langsam melden.

Nicht weil die Welt ihn braucht.

Weil Menschen sich Sorgen machen.

Das ist etwas anderes.

Und wichtiger.

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Er nimmt das Telefon erneut.

Drückt die Taste.

Das Display leuchtet.

Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Logo.

Start.

Dann Netz.

Die Symbole erscheinen.

Chris wartet.

Eine Sekunde.

Zwei.

Dann beginnt das Gerät zu vibrieren.

Nachrichten.

Noch eine.

Noch eine.

Anrufe.

Benachrichtigungen.

Chris schaut auf den Bildschirm.

„Ah."

Es vibriert weiter.

„Beruhigt euch."

Noch eine Nachricht.

Dann Stille.

Chris sieht die Zahl.

Viele.

Er öffnet nichts.

Stattdessen sucht er Daniel.

Tippt:

**Lebe. Knie beleidigt. Alles gut.**

Er überlegt.

Dann ergänzt er:

**Telefon bleibt noch kurz aus.**

Sendet.

Fast sofort erscheinen drei Punkte.

Chris wartet nicht auf die Antwort.

Flugmodus.

Display aus.

Er legt das Telefon zurück.

„Serviceinformation erledigt."

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Das Gefühl danach ist anders als vorher.

Er ist nicht verschwunden.

Er hat nur eine Grenze gezogen.

Auch das ist neu.

Vielleicht.

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Chris nimmt das Notizbuch.

Jetzt darf es.

Er schreibt:

**Nicht jede offene Rechnung braucht eine letzte Zeile.**

Er betrachtet den Satz.

Dann streicht er **letzte**.

Jetzt:

**Nicht jede offene Rechnung braucht eine Zeile.**

Besser.

Darunter:

**Manche Dinge reichen.**

Er liest.

Das Wort gefällt ihm.

Reichen.

Nicht im Sinne von genug besitzen.

Im Sinne von:

Bis hier.

Mehr nicht.

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Er denkt an die Frau.

**Du sitzt da so friedlich.**

Chris schnaubt leise.

Wenn sie wüsste.

Aber vielleicht muss sie es nicht wissen.

Vielleicht muss überhaupt nicht jeder alles wissen.

Eine erstaunliche Erkenntnis für jemanden, dessen Beruf daraus besteht, Dinge öffentlich zu machen.

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Der Gedanke an seine Mutter kommt noch einmal.

Diesmal ohne konkreten Satz.

Nur ihre Stimme.

Chris sitzt still.

Das Lächeln verschwindet.

Nicht dramatisch.

Einfach so.

Es gibt Menschen, bei denen Erinnerung gleichzeitig warm und schwer sein kann.

Man muss sich offenbar nicht entscheiden.

Chris schaut auf seine Hände.

Harz.

Dreck.

Eine kleine Schürfwunde.

Er atmet ein.

Der Geruch des Baums hängt inzwischen an ihm.

Vielleicht bleibt er in der Jacke.

Neben den Flecken.

Gut.

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Ein paar Dinge müssen nicht verschwinden.

Der Satz kommt aus dem vorherigen Kapitel zurück.

**Manche Dinge verschwinden nicht.**

**Vielleicht müssen sie das auch nicht.**

Chris nickt kaum merklich.

Damals hatte er über Last gesprochen.

Jetzt klingt der Satz anders.

Nicht alles, was bleibt, ist Ballast.

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Er steht auf.

Langsam.

Das Knie protestiert sofort.

„Hab dich auch vermisst."

Er klopft Erde von der Hose.

Trockene Nadeln bleiben hängen.

Er klopft noch einmal.

Eine bleibt.

Chris betrachtet sie.

Lässt sie.

Die Jacke zieht er an.

Zwei Harzflecken.

Einer davon wahrscheinlich dauerhaft.

„Souvenir."

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Er hebt den Rucksack auf.

Dann dreht er sich zur Föhre.

Für einen absurden Moment hat er das Bedürfnis, sich zu bedanken.

Er merkt es.

Lacht.

„Nein."

Der Baum hat nichts getan.

Er stand hier.

Chris saß darunter.

Das reicht.

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Er legt die Hand noch einmal auf die Rinde.

Harz.

Natürlich.

Chris zieht sie zurück.

„Arschloch."

Dann muss er wieder lachen.

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Der Weg nach unten liegt zwischen den Bäumen.

Weiter unten warten Straßen.

Menschen.

Daniel.

Martin.

Termine.

Musik.

Vielleicht eine Halle.

Vielleicht mehrere.

Fragen.

Fotos.

Entscheidungen.

Nichts davon fühlt sich plötzlich falsch an.

Das ist wichtig.

Chris ist nicht hierhergekommen, um ein anderes Leben zu finden.

Nur um sein eigenes für einen Moment aus größerer Entfernung zu sehen.

Vielleicht war selbst das nicht der Plan.

Vielleicht hatte er überhaupt keinen.

Noch besser.

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Er geht ein paar Schritte.

Bleibt stehen.

Schaut zurück.

Die Föhre sieht aus wie vorher.

Kein Lichtstrahl.

Kein symbolischer Windstoß.

Keine Veränderung.

Chris hatte fast erwartet, dass sein Kopf automatisch einen Schlusssatz produziert.

Tut er auch.

Natürlich.

**Der Baum macht einfach weiter.**

Chris verzieht das Gesicht.

Zu passend.

Fast kitschig.

Er denkt darüber nach.

Dann lässt er ihn trotzdem stehen.

Nicht jeder gute Satz muss bestraft werden, nur weil er gut passt.

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Chris dreht sich um.

Geht.

Nach einigen Metern greift er in die Jackentasche.

Harz an den Fingern.

Er zieht die Hand heraus.

„Verdammt."

Hinter ihm steht die Föhre.

Unbeeindruckt.

Chris lacht.

Dann geht er weiter.

Was er mit hierhergebracht hat, nimmt er nicht vollständig zurück.

Ein paar Dinge bleiben.

Ein paar verändern ihr Gewicht.

Ein paar sind noch genauso kompliziert wie vorher.

Und ein Fleck auf einer viel zu teuren Jacke geht wahrscheinlich nie wieder raus.

Für heute ist das eine ziemlich brauchbare Bilanz.

Chris verschwindet zwischen den Bäumen.

Die Föhre bleibt stehen.

Und macht einfach weiter.

Was zurückbleibt

Unter der Föhre wird aus Rückzug eine Grenze: nichts wird magisch gelöst, aber manches bekommt ein anderes Gewicht.

Verbindung

Das Album schließt mit der Rückkehr in dasselbe Leben – verändert ist nicht die Welt, sondern Chris’ Verhältnis zu ihr.