Das Seitenfach
Drei Tage später wollte Nele Details zum Ablauf fotografieren. Chris kam früher in die Bar. Die Vordertür war offen. Hinten standen Gläser auf einem Tablett, das niemand weggetragen hatte.
Aus dem Raum hinter der Theke hörte er Ralfs Stimme.
»Seine Mutter hatte ihm sogar geschrieben. So einen langen Brief. Hatte er im Seitenfach von der Tasche, zusammen mit der Kassette. Ich musste das erst mal alles sortieren.«
Chris blieb stehen.
Die Kassette gehörte nicht zu jener Nacht auf der Wache. Der Brief auch nicht.
Ralf verband zwei verschiedene Abende.
Chris sah die Küche vor sich. Jahre nach der Wache. Seine Mutter hatte ihm einen Brief geschrieben, nachdem ein Gespräch mit ihm gescheitert war. Er hatte Ralf gebeten, ihn zu lesen, weil er nicht wusste, wie er antworten sollte. Die Tasche stand damals auf der Treppe, weil Chris sie beim Aufschließen dort abgestellt hatte. Ralf hatte sie hochgetragen, das Seitenfach geöffnet und den Umschlag herausgenommen.
Niemand sonst war dort gewesen.
Der Inhalt des Briefes gehörte seiner Mutter und ihm. Nicht Ralfs Tischrunde.
Zwei Abende
Chris trat in den Raum.
Ralf saß mit Nele und einem Bekannten von Tarek an einem kleinen Tisch. Neles Kamera lag neben ihrem Glas. Sie sah Chris zuerst.
Ralf brach mitten im Wort ab.
»Das Seitenfach«, sagte Chris. »Woher wusste dein Bekannter davon?«
»Wovon?«
»Der draußen. Du hast mir gesagt, es reden Leute.«
Ralf lehnte sich zurück. »Chris, wir haben hier bloß—«
»Du hast gerade von dem Brief meiner Mutter erzählt.«
Nele griff nicht nach der Kamera. Der andere Mann schob sein Glas zur Tischmitte.
Ralf sah von einem zum anderen. »Ich habe keinen Inhalt gesagt.«
»Du hast einen privaten Brief mit einer anderen Nacht verbunden. Das waren verschiedene Jahre.«
»Das weiß doch hier keiner.«
Der Satz stand im Raum.
Chris wartete. Ralf merkte selbst, was er gesagt hatte. Er setzte nach: »Ich meine, keiner interessiert sich für das Datum.«
»Dann gibst du das Datum jetzt richtig an. Und sagst, dass ich dich gebeten habe, den Brief zu lesen.«
Ralf rieb den Daumen über den Stift. »Du willst mich vor den anderen vorführen.«
»Du erzählst vor den anderen.«
Nele zog ihr Glas zu sich. »Ich dachte, du wolltest helfen. So hast du angefangen.«
»Wollte ich auch«, sagte Ralf.
Chris sah ihn an.
Er wusste plötzlich, warum die Geschichten immer glaubwürdiger geworden waren. Ralf hatte Details, die andere nicht hatten. Eine Tasche, ein Umschlag, die Stellung eines Stuhls. Er brauchte nur die Verbindung zu verändern.
»Du kommst nicht mehr zu mir nach Hause«, sagte Chris.
Ralf ließ den Stift auf den Tisch fallen.
Chris nahm seine Tasche, die noch im Flur stand, und trug sie mit hinaus.
