Der freie Stuhl
Am Mittwoch ging Chris zu Jens. Es war ein Abend, den sie seit Monaten lose geplant hatten. Vier Leute, etwas essen, vielleicht Karten. Eva hätte normalerweise mitkommen können. Diesmal hatte Chris allein zugesagt und sonst nichts geschrieben.
Im Flur fehlte auf dem Schuhregal ein Paar, das dort früher oft gestanden hatte. Evas Schwester Lea war mit Jens befreundet. Chris registrierte die Lücke, bevor er begriff, dass sie nichts mit ihm zu tun hatte.
Drinnen nahm Jens seine Tasche von einem Stuhl. Normalerweise tat Chris das selbst.
Dani fragte, ob er Wasser wolle. Patrick war nicht da.
»Weißt du schon, wo du erst mal bleibst?«, fragte Jens.
Chris blieb stehen.
In seiner Wohnung lagen die Schlüssel noch zusammen in der Schüssel. Evas Schlüssel und seine. Sie hatte ihren zweiten Satz. Er hatte den ersten nicht weggelegt, weil das wie eine Entscheidung aussah, die schon längst gefallen war.
»Ich bleib in der Wohnung«, sagte er.
Jens nickte. Niemand fragte, warum Eva fehlte.
Chris setzte sich und zählte innerlich Wege. Patrick zu Jens. Lea zu Dani. Eva zu Lea. Jedes Gespräch wurde eine Leitung, jede Leitung ein möglicher Bruch.
Als Dani ihm Wasser reichte, suchte er in ihrem Blick nach Mitleid und fand vor allem Konzentration. Sie wollte das Glas nicht gegen seinen Teller stoßen.
Ihre Seite
Lea kam aus der Küche. Sie hatte ein Geschirrtuch über der Schulter und eine Schüssel Salat in den Händen.
Chris sah sie an. Sie sah zurück.
»Eva hat mit dir geredet.«
»Ja.«
Er wartete auf den Zusatz, der ihre Berechtigung erklären sollte.
Lea stellte die Schüssel ab. »Sie hat Sonntag bei mir geschlafen. Ich hab ihr beim Packen geholfen.«
Chris schaute auf die freie Stelle neben seinem Teller.
Er hatte sich die Trennung bisher als etwas vorgestellt, das in seiner Wohnung passierte. Er war durch die Zimmer gegangen, hatte fehlende Schuhe gesehen, ein halb leeres Badregal, die kleine helle Fläche, wo eine Pflanze auf der Fensterbank gestanden hatte. Währenddessen war Eva anderswo gewesen. Sie hatte essen müssen, schlafen, antworten, wenn Lea sie fragte, was los sei.
»Was hat sie gesagt?«, fragte er.
Lea zog einen Stuhl heraus. »Das sag ich dir nicht.«
Er nickte zu schnell. Dann noch einmal, langsamer.
Jens öffnete die Ofentür. Heiße Luft zog über den Tisch. Dani rück die Gläser weg, damit die Form Platz hatte.
Chris hätte jetzt erzählen können. Wie es war, allein aufzuwachen. Dass er im Bad noch zweimal nach dem Handtuch griff, das nicht mehr hing. Stattdessen sagte er: »Ich weiß noch nicht, was ich euch sagen soll.«
Lea setzte sich neben ihn.
»Dann iss erst mal.«
Er reichte ihr den Salat.
