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Du bist gemeint · KAPITEL 10

Du hast bei mir gegessen

Du bist gemeint – Original-Artwork auf SoundCloud

Der Clip

Der Kulturabend lief gut. Nicht reibungslos. Ein Scheinwerfer fiel aus, zwei Gäste wollten diskutieren, ob sie wirklich Karten brauchten, die erste Kanne Kaffee war zu früh gekocht. Marc löste das Lichtproblem. Tarek kümmerte sich um den Einlass. Chris spielte seine fünfundzwanzig Minuten und blieb danach am Bühnenrand, bis die nächsten Musiker aufgebaut hatten.

Ralf war überall auf den Bildern.

Nach Mitternacht war der Saal leer. Chris brachte einen letzten Karton ins Auto. Das Telefon vibrierte in seiner Jacke.

Eine Nachricht von Ralf. Ein Video, darunter drei Lachgesichter.

Ralf hatte es offenbar an den falschen Chat geschickt.

Chris drückte auf Wiedergabe.

Ralf saß am Tisch im Hinterzimmer. Der Clip musste später am Abend entstanden sein. Sven filmte. Im Hintergrund waren Stimmen. Ralf imitierte einen Satz von Chris' Vater.

Denselben Satz hatte er Jahre zuvor in Chris' Küche gehört.

Die Küche

Damals war Ralf mit einer Reisetasche gekommen. Seine Wohnung war nach einem Streit für ihn nicht zugänglich gewesen. Chris hatte nicht viele Fragen gestellt. Er hatte einen Teller hingestellt, danach einen zweiten, weil Ralf den ersten in wenigen Minuten geleert hatte.

Sie hatten lange gesessen. Ralf hatte zugehört, als Chris von seinem Vater sprach. Der war zu jener Zeit noch am Leben gewesen und hatte an einem schweren Tag etwas gesagt, das Chris zugleich genervt und getragen hatte.

Ralf hatte damals nicht gelacht.

Im Video wiederholte er den Satz jetzt mit verstellter Stimme. Danach machte er eine Bemerkung über Chris' Bedürfnis, alles bedeutend aussehen zu lassen.

Jemand lachte. Einer sagte, Ralf solle aufhören. Der Ton klang halbherzig.

Die Nachricht verschwand.

Chris hatte die Stimme noch im Ohr.

Er saß auf dem Fahrersitz, die Tür offen. Seine Hände lagen auf dem Lenkrad, obwohl der Motor nicht lief.

Er dachte an alle Abende, an denen Ralf andere imitiert hatte. An fremde Krisen, die am Tisch zu Geschichten geworden waren. Chris hatte gelacht. Nicht jedes Mal. Oft genug.

Der Unterschied war jetzt, dass er den Satz kannte, bevor er zur Pointe geworden war.

Keine Rechnung

Zu Hause stellte er die Tasche in die Küche. Er machte kein Licht im Wohnzimmer.

Ralf schrieb: War nicht für dich. War auch nicht so gemeint.

Chris antwortete: Gerade deshalb.

Dann nichts mehr.

Am Morgen fand er eine Sprachnachricht. Drei Minuten. Ralf erklärte, dass er für Chris immer da gewesen sei. Dass er unter Druck gestanden habe. Dass Chris nun eine Freundschaft wegen eines dummen Videos wegwerfe.

Chris hörte sie bis zum Ende.

Er wollte die Teller zählen. Die Nächte. Das Benzin. Den Abend mit dem Brief. Eine Liste schreiben, die Ralf klein genug machte, damit Chris sich wieder aufrichten konnte.

Stattdessen nahm er einen Notizzettel und schrieb auf, was noch zurückgegeben werden musste. Ein Schlüssel. Ein Mikrofonständer. Zwei Kabel.

Er strich das Wort Schlüssel zweimal an.

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