Der Umschlag
Mara kam am Samstag mit einem zweiten Umschlag. Sie hatte die Bilder sortiert und die Jahre auf die Rückseiten geschrieben. Chris kochte Kaffee. Die Kiste mit den Kassetten stand noch immer neben dem Sofa.
Sie legten die Fotos auf den Tisch.
Ostern. Ein Urlaub. Ihr Vater mit einer Zeitung, halb verdeckt von einem Kuchen. Chris in einem viel zu großen Hemd. Mara auf einer Treppe, die er nicht mehr zuordnen konnte.
Er suchte den Abend mit der Kassette.
»Davon gibt's keins«, sagte Mara.
Chris nahm ein Küchenfoto. Derselbe Tisch, dachte er. Dieselbe Decke. Ihr Vater saß am Rand und sah zur Kamera, eine Hand am Ärmel.
»Das war eine Woche später.«
Mara drehte das Bild um. »Drei Jahre später.«
Chris schaute auf das Datum.
»Der Tisch kam erst, als du schon ausgezogen warst«, sagte sie. »Vorher hatten sie den kleinen mit der kaputten Kante.«
Er erinnerte sich an die Kante. Auf einmal deutlich. Ein Stück Furnier, das am Pullover hängen bleiben konnte.
»Dann war es dort.«
»Vielleicht.«
Sie sagte das ohne Schärfe. Chris hörte sie trotzdem.
Die Stellen
Er erzählte den Abend. Der Recorder auf dem Tisch, die Winterjacke seines Vaters, die Hände in den Taschen. Mara hörte zu, bis er fertig war.
»Papa hatte die Jacke meistens gar nicht mit in der Küche. Die hing im Flur.«
»Vielleicht hat er sie vorher ausgezogen.«
»Vielleicht.«
Chris legte das Foto hin.
Er merkte, wie schnell er Lücken schloss. Eine Jacke wanderte vom Flur auf einen Stuhl. Ein Tisch wurde ausgetauscht. Er selbst stand neben dem Recorder und blieb dort bis zum letzten Schlag, obwohl er sich auch an die kalte Türklinke erinnerte. Vielleicht war er hinausgegangen. Vielleicht hatte er im Flur gewartet, bis das Lied vorbei war, und erst danach so getan, als interessiere ihn die Antwort kaum.
»Er hat's angehört«, sagte Chris.
»Das weiß ich auch noch.«
»Du warst dabei?«
»Ich war in meinem Zimmer. Ich hab Musik gehört. Deine, durch die Wand. Mehr weiß ich nicht.«
Chris schaute auf das Bild mit dem Kuchen. Sein Vater hatte dort einen Knopf am Ärmel offen. Chris vergrößerte ihn nicht. Er legte das Telefon beiseite, mit dem er die Fotos hatte abfotografieren wollen.
»Ich wollte immer, dass es ein gutes Bild von dem Abend gibt«, sagte er.
Mara schob die anderen Fotos zusammen. »Vielleicht gab's einen guten Abend ohne Bild.«
Er hätte gern sofort zugestimmt. Es hätte schön geklungen. Stattdessen sagte er: »Ich weiß nicht mehr, ob er's gut fand.«
»Ich auch nicht.«
Sie tranken ihren Kaffee.
Das Band
Der alte Recorder funktionierte nicht. Mara hatte ihn mitgebracht, weil sie dachte, Chris könne ihn vielleicht reparieren. Im Batteriefach war eine Feder weiß verkrustet. Chris reinigte sie vorsichtig mit einem Wattestäbchen. Neue Batterien, ein Knacken, dann bewegten sich die Spulen.
Er legte die Kassette ein.
Seine Stimme war höher, als er sie in Erinnerung hatte. Die erste Zeile begann zu früh. Bei der zweiten schluckte er eine Silbe. Im Hintergrund rauschte das Zimmer, in dem er aufgenommen hatte. Er hörte das Klicken einer Maustaste und später einen Stuhl.
Mara saß am Fenster.
Chris stand vor dem Tisch. Seine Hände wollten etwas tun. Lautstärke ändern, kurz vorspulen, erklären, dass er damals noch keinen richtigen Aufbau gehabt hatte.
Er ließ sie an den Seiten hängen.
Das Stück ging weiter. Ein Reim, den er längst vergessen hatte. Ein zweiter, für den er sich jetzt schämte. Dann eine Zeile, die er noch immer mochte. Er sah kurz zu Mara. Sie hörte zu. Ihr Gesicht gab ihm keine eindeutige Antwort.
Am Ende blieb das Band nicht sofort stehen. Zwölf Sekunden Rauschen. Chris hatte damals zu spät auf Stopp gedrückt. Irgendwo in diesen Sekunden zog jemand Luft ein. Vielleicht er selbst.
Dann klickte der Recorder.
Mara streckte den Rücken. »Du hast die eine Stelle später noch mal benutzt, oder?«
Chris nickte.
Sie zeigte auf die Kassette. »Die mochte ich.«
Er setzte sich.
Auf dem Tisch lagen noch zwei Bilder, falsch herum. Eines zeigte vermutlich ein Grillfest. Das andere war leer auf der Rückseite. Chris ließ sie liegen.
Am Freitag
Abends schrieb Jens in die Gruppe: Freitag bei mir, sieben. Karten sind da. Essen mach ich. Wer kommt?
Lea sagte zu. Olli war nicht in der Stadt. Dani schickte ein Ja. Patrick stand nicht mehr in dieser Gruppe. Chris hatte eine neue eröffnet und den anderen gesagt, warum. Patrick wusste es ebenfalls. Ihr letztes Gespräch war kurz gewesen. Es würde ein weiteres geben, wenn beide es wollten.
Chris schrieb: Ich komme.
Dann öffnete er Evas Chat. Die Nachricht zur Lampe war noch unbeantwortet. Er hatte sie aus dem Keller geholt und neben die Tür gestellt, war aber bislang nicht mit ihr losgegangen.
Er schrieb: Die Lampe ist hier. Passt dir morgen um vier, wenn ich sie bringe?
Eva antwortete nicht gleich.
Chris stellte den Recorder ins Regal. Die Kassette blieb darin. Den Aufkleber strich er noch einmal fest. Sein Name war zu groß geschrieben, die letzten Buchstaben zusammengedrängt. Das hatte er selbst gemacht.
In der Küche stand Maras Tasse. Er nahm sie zur Spüle und ließ Wasser ein.
Später sagte Eva für vier Uhr zu. Timo bestätigte ihren zweiten Versuch. Jens schrieb, Chris solle den Stuhl mitbringen, den er sich vor Monaten geliehen hatte.
Chris holte ihn aus dem Schlafzimmer und stellte ihn neben die Lampe.
Am Freitag klingelte er bei Jens, den Stuhl unter einem Arm. Durch die Wohnungstür hörte er Lea lachen. Jens öffnete und nahm ihm das Möbelstück ab.
»Da ist ja mein guter Stuhl.«
»Stand bei mir viel zu lange.«
Jens drehte ihn durch den schmalen Flur. Chris hielt die Tür, damit die Lehne nicht dagegen schlug.
Im Wohnzimmer waren noch zwei Plätze frei. Chris fragte, ob er sich ans Fenster setzen könne.
Lea zog ihre Tasche vom Stuhl.
Er setzte sich.
