Das Fenster
Am neunundzwanzigsten saß Chris allein im Restaurant.
Timo hatte nachmittags abgesagt. Das Kind war krank. Er hatte ein Foto von einer Packung Fieberzäpfchen mitgeschickt, dann gleich geschrieben: Sorry, Beweisfoto unnötig.
Chris hatte geantwortet: Musst du mir nicht beweisen.
Er war trotzdem hingegangen. Er hatte den Abend freigehalten und wollte nicht zu Hause überprüfen, ob Timo inzwischen online gewesen war.
Die Tür klemmte unten. Chris drückte sie mit dem Knie auf, ging am Tresen vorbei und steuerte zum Fenster. Erst mit der Hand auf der Stuhllehne sah er die Jacke.
An dem Tisch saßen drei Leute. Eine Frau blickte zu ihm hoch. Er zog die Hand zurück.
»Entschuldigung.«
Der Kellner fragte, ob er reserviert habe. Chris verneinte. Bei der Tür war noch ein kleiner Tisch frei.
Von dort sah der Raum anders aus. Die Schramme an der Kante des Fenstertischs war deutlich zu erkennen. Von seinem früheren Platz hatte er sie nie gesehen.
Ein anderer Abend
Chris bestellte Essen. Am Fenster kam ein vierter Gast hinzu. Die Frau schob ihren Stuhl zur Seite, der andere zog einen vom Nebentisch heran.
So hatten sie es früher auch gemacht.
In seiner Erinnerung waren ihre Plätze immer frei gewesen. Er wusste aber noch, wie er einmal eine Stunde an der Theke gestanden hatte. Wie Jens auf dem Bordstein rauchte, weil drinnen kein Platz war. Wie Eva später gekommen war und sie gerade dabei erwischt hatte, ihre Jacken zu nehmen.
Er hatte aus den gelungenen Abenden einen Anspruch gebaut.
Das Telefon vibrierte. Timo fragte: Nächste Woche gleicher Tag?
Chris schrieb: Ja. Hier oder woanders?
Woanders gern, kam zurück. Hab was bei mir um die Ecke.
Chris sah zum Fenster. Die Frau lachte über etwas, das er nicht hören konnte. Ihr Gegenüber begann schon mitzulachen, bevor sie fertig war.
Er drehte das Telefon um und aß.
Beim Bezahlen fragte der Kellner, ob alles gepasst habe. Chris sagte ja. Er zog seine Jacke an, schob den Stuhl ordentlich an den Tisch und ging zur Tür.
Sein Knie fand die Stelle von selbst.
