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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 7

DER BODEN KAUT

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Kaugummi unter dem Schuh

Ben wollte tanzen.

Chris hätte ihn am liebsten auf der Bank gehalten. Noch eine Frage stellen, noch etwas richtigstellen, noch einmal erklären, dass sein Schweigen nichts mit Gleichgültigkeit zu tun gehabt hatte. Er wusste, wie schnell Erklärungen aus einem fremden Problem die eigene Entlastung machten.

Also ging er mit.

Der nächste Track hatte einen kurzen, zähen Klang zwischen den Schlägen. Chris setzte den rechten Fuß nach hinten und spürte Widerstand. Er hob ihn, bekam ihn frei, setzte wieder auf.

Kaugummi.

Er sah hinunter. Im Licht ließ sich nur eine dunkle Stelle unter seinem Schuh erkennen. Beim nächsten Schritt zog sie erneut. Malik tanzte inzwischen einige Meter weiter. Er bemerkte Chris’ Blick und sah ebenfalls auf den Boden, als suche er dort etwas Interessantes.

Chris schüttelte den Kopf. Alles gut.

Der Klang wurde breiter. Er zog sich auf, schloss sich, federte zurück. Gleichzeitig hing Chris’ Schuh bei jedem zweiten Schritt für einen winzigen Moment fest. Die beiden Vorgänge trafen so genau zusammen, dass es ihm vorkam, als hätte die Fläche einen Mund bekommen.

Er sagte Ben ins Ohr: „Der Boden kaut.“

Ben sah nach unten.

Chris hob den Fuß.

Ben fing an zu lachen. Erst kurz, dann länger, mit dieser Atemlosigkeit, die Chris seit Jahren kannte und lange nicht gehört hatte.

„Nicht ausspucken“, sagte Chris und tanzte weiter.

Ben lachte wieder. Chris musste sich am Rand einer Box festhalten. Er wartete darauf, dass Ben ihm noch etwas zurief, aber Ben schüttelte nur den Kopf und nahm die Bewegung wieder auf.

Der ungefragte Film

Tarek entdeckte sie und kam mit dem Telefon durch die Menge. Er hielt es schon hoch. Das Licht vom Bildschirm traf Bens Gesicht.

„Genau so“, rief er.

Ben hörte ihn nicht. Er lachte noch über Chris’ Schuh. Chris machte die Bewegung absichtlich größer, nahm den Fuß hoch, setzte mit gespielter Vorsicht auf. Tarek filmte. Mara kam hinzu, bemerkte die Kamera und ließ sich zurückfallen.

Für einen kurzen Moment war es wieder sehr einfach. Ben lachte, Chris hatte es geschafft, und es gab sogar einen Beleg dafür. Er stellte sich näher zu ihm und legte den Arm um seine Schulter.

„Leipzig muss noch warten“, sagte er in die Kamera.

Tarek lachte. Ben nicht mehr.

Chris merkte es erst, als der Arm unter seiner Hand still wurde.

Ben sah auf das Telefon. „Nicht posten.“

Tarek senkte es. „Nur für uns.“

„Auch nicht in die Gruppe.“

„Okay.“

Die Musik lief mit ihrem zähen Ziehen weiter. Chris ließ Bens Schulter los.

„War nur ein Spruch“, sagte er.

Ben wandte sich zu ihm. „Ich weiß.“

„Ich meinte nicht—“

„Ich weiß, was du meintest.“

Tarek stand zwischen ihnen mit dem Telefon in der Hand. Sein Gesicht zeigte den Moment, in dem ein Mensch begreift, dass eine gerade noch harmlose Geste in etwas hineingeraten ist, das er nicht kennt.

„Ich lösch's“, sagte er.

Ben nickte. „Danke.“

Tarek tippte auf den Bildschirm und zeigte ihn Ben. Dann verschwand er, schneller als nötig.

Chris spürte, wie der schöne Augenblick ihm entglitt. Er hätte ihn gern zurückgeholt, das Lachen wieder begonnen, den Satz weggelassen. Aber Ben stand neben ihm und wartete jetzt auf etwas anderes.

„Ich wollte einfach, dass du einen guten Abend hast“, sagte Chris.

Ben sah an ihm vorbei in die Menge.

„Ich hatte gerade einen.“

Chris schwieg.

„Ich lach mit dir“, sagte Ben. „Dann muss das nicht sofort heißen, dass ich bleibe.“

Die Worte waren wegen der Musik kaum hörbar. Chris musste sich zu ihm beugen, damit er sie verstand. Die Nähe machte es schlimmer. Es gab keine Distanz, hinter der er seinen Ausdruck verstecken konnte.

Ben zog sich etwas zurück. „Lass uns einfach tanzen.“

Chris nickte.

Er fühlte sich lächerlich mit dem Schuh, der noch immer klebte. Die kleine Szene hatte eben genau richtig gewesen. Dann hatte er ein Etikett daraufgesetzt und sie damit Ben weggenommen.

Auf der anderen Seite der Fläche sah er Mara. Sie hatte den kurzen Wechsel beobachtet. Chris erwartete wieder diesen Blick von vorhin. Mara sah ihn jedoch gar nicht an. Sie winkte Ben kurz zu und tanzte weiter.

Chris wandte sich zurück. Ben hatte die Augen geschlossen. Er bewegte sich vorsichtiger als zuvor, aber er war noch da.

Chris hörte den Impuls, die Sache sofort zu besprechen. Nicht später, nicht in Ruhe. Jetzt, weil er selbst die Spannung nicht halten wollte. Er erkannte den Impuls und sagte nichts.

Er nahm den nächsten Schritt kleiner. Unter seiner Sohle zog es kurz. Ben öffnete die Augen, sah den Fuß, dann Chris’ Gesicht. Sein Mund bewegte sich in der Andeutung eines Lächelns.

Chris ließ es so klein, wie es war.

Der Raum zog sich zusammen. Obere Klänge verschwanden, die Kick blieb. Chris fühlte den kleinen Widerstand unter dem Schuh deutlicher. Ben setzte vorsichtiger auf dem rechten Bein auf. Sie fanden eine gemeinsame Bewegung, die keineswegs gleich aussah.

Als die Musik sich wieder öffnete, ließ Chris die Box los.

Ben legte ihm eine Hand in den Nacken und zog ihn kurz zu sich. Es war eine beiläufige Geste, ohne Satz dazu. Chris wollte sie nicht sofort mit etwas beantworten.

Er tanzte.

Für ein paar Minuten war die vergessene Platte tatsächlich eine vergessene Platte. Kein Beweisstück, kein Urteil über Jahre. Sie stand zu Hause, und er würde sie holen. Ben war hier, und Chris stand neben ihm.

Der Kaugummi löste sich später von selbst. Chris bemerkte nicht genau, wann.

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