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FREESTYLE FÜR IMMER · KAPITEL 7

ZWISCHEN UNS ELEKTRIZITÄT

Zwischen uns Elektrizität – Original-Artwork auf SoundCloud

ZWISCHEN UNS ELEKTRIZITÄT

Die Geschichte

Die Erinnerung bekommt jetzt ein Gegenüber.

Einen Namen braucht diese Erinnerung nicht. Sie beginnt mit dem Abstand zwischen zwei Menschen, der im Lauf eines Songs immer kleiner wird.

Es ist dieses Gespräch, das eigentlich keines ist.

Zu laut, um normal zu reden. Zu viel zwischen zwei Menschen, um einfach wegzugehen.

Man sagt etwas ins Ohr. Die andere Person versteht nur die Hälfte. Fragt noch einmal. Man kommt näher. Und plötzlich ist nicht mehr klar, ob die Musik der Grund dafür war.

Elektrizität ist ein großes Wort für einen sehr kleinen Abstand.

Chris erinnert sich daran, wie wenig damals manchmal nötig war.

Keine wochenlangen Chats.

Kein Profil zum Vorabstudieren.

Ein Blick. Eine Entscheidung. Vielleicht eine Telefonnummer auf einem Stück Papier.

Und dann das Risiko, dass eine Ziffer falsch gelesen wurde.

Heute wirkt das fast absurd.

Damals konnte eine ganze Geschichte daran hängen, ob jemand eine Sieben wie eine Eins geschrieben hatte.

Der Gedanke gefällt ihm.

Nicht, weil komplizierter automatisch besser ist. Sondern weil Unsicherheit Raum für Mut geschaffen hat.

Man musste hingehen.

Man musste fragen.

Man musste irgendwann sagen, was man wollte.

Oder man sagte es eben nicht.

Und manchmal blieb genau dieser Satz Jahre später als das Einzige zurück, was noch fehlte.

Chris denkt an einen Zettel, den er einmal tagelang in einer Jackentasche mit sich herumgetragen hat. Eine Nummer darauf, hastig geschrieben. Keine Ahnung mehr, wem sie gehörte. Vielleicht ist gerade das typisch: Der Gegenstand ist noch im Gedächtnis, die Geschichte dahinter nicht mehr vollständig.

Damals musste man irgendwann entscheiden, ob man anruft.

Nicht reagieren. Nicht liken. Nicht erst wochenlang unauffällig mitlesen.

Anrufen.

Und damit riskieren, dass jemand anderes ans Telefon ging. Vater, Mutter, Bruder, Mitbewohner – und man plötzlich erklären musste, wen man sprechen wollte. Schon die ersten fünf Sekunden konnten mehr Mut kosten als später ein ganzer Chatverlauf.

Er erinnert sich auch an die andere Seite. An das Klingeln, an die kurze Hoffnung, dass genau die richtige Person dran sein könnte. An Stimmen, die sofort anders klangen, sobald man wusste, wer am anderen Ende war.

In seiner Erinnerung sind es zwei Stimmen, die nie gleichzeitig alles wissen. Eine sagt etwas. Die andere muss antworten.

Dazwischen liegt Raum.

Und manchmal lag genau darin die Spannung.

Es gab keine Garantie, dass man sich am nächsten Wochenende wiedertraf. Genau deshalb konnte ein Abschied vor dem Club länger dauern als geplant. Einer sagte „bis dann“, blieb aber noch stehen. Die andere Person ging zwei Schritte, drehte sich noch einmal um. Manchmal war das alles.

Und manchmal reichte es.

Chris denkt daran, wie viel später aus solchen winzigen Entscheidungen entstanden ist. Freundschaften. Beziehungen. Geschichten, die nach drei Wochen vorbei waren. Andere, die Jahre hielten. Niemand sah beim ersten Blick, welche davon welche werden würde.

Vielleicht ist das heute nicht anders. Nur die Oberfläche hat sich verändert.

Der Track im Auto zieht an. Die Erinnerung verliert ihre weichen Ränder. Aus dem Vielleicht wird Bewegung.

In Verbindung bleiben.