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FREESTYLE FÜR IMMER · KAPITEL 2

WENN DU NACHTS NICHT SCHLÄFST

Wenn du nachts nicht schläfst – Original-Artwork auf SoundCloud

WENN DU NACHTS NICHT SCHLÄFST

Die Geschichte

Es gibt eine Uhrzeit, in der jede Generation anders klingt.

Heute leuchtet nachts ein Display auf. Früher leuchtete vielleicht gar nichts.

Chris fährt durch eine Straße mit dunklen Fenstern. Hinter einem brennt noch Licht. Nur eine kleine Lampe. Und sofort ist dieses alte Gefühl wieder da: wach sein, obwohl längst keiner mehr etwas von einem will.

Damals lag das Telefon nicht neben dem Kopfkissen. Es stand irgendwo. Im Flur. Im Wohnzimmer. Vielleicht hatte man Glück, und ein langes Kabel reichte bis zur Tür.

Wenn man auf einen Anruf wartete, konnte man nicht so tun, als würde man nicht warten.

Man hörte jedes Geräusch im Haus.

Man wusste, wie spät es war, ohne auf die Uhr zu sehen.

Und wenn das Telefon tatsächlich klingelte, war die erste Frage nicht, wer geschrieben hatte. Es klingelte für alle. Man musste hoffen, dass nicht jemand anderes zuerst ans Telefon ging.

Chris erinnert sich nicht an ein bestimmtes Gespräch. Eher an die Spannung davor.

An Nächte, in denen ein Satz vom Nachmittag bis zwei Uhr morgens im Kopf blieb. An die Frage, ob ein Blick etwas bedeutet hatte. An das absurde Gewicht eines „Vielleicht bis später“.

Die Welt war nicht romantischer. Sie war nur weniger sofort.

Das macht einen Unterschied.

Man konnte jemanden vermissen, ohne zwischendurch zu sehen, dass die Person vor sieben Minuten online war.

Man konnte sich fragen, wo jemand war, ohne eine Karte zu öffnen.

Und man konnte eine ganze Nacht mit einer Hoffnung verbringen, die am nächsten Morgen immer noch nicht beantwortet war.

Der Track in seinem Auto wird ruhiger. Pads öffnen sich. Die Straße vor ihm zieht geradeaus.

Chris fährt langsamer, obwohl hinter ihm niemand ist.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem die Nacht beginnt, zurückzureden.

Nicht mit Worten. Mit Zuständen.

Er denkt an ein Zimmer zurück, dessen Fenster im Sommer gekippt war. Von draußen kamen vereinzelte Autos, irgendwo lief noch ein Fernseher, und aus einem kleinen Radio kam Musik so leise, dass man den Moderator zwischen zwei Songs kaum verstand. Auf dem Tisch lag eine Kassette bereit. Wenn der richtige Titel kam, musste man schnell genug auf Aufnahme drücken und hoffen, dass keiner ins Intro sprach.

Manchmal wartete man auf ein Lied und gleichzeitig auf einen Anruf. Beides ließ sich nicht beschleunigen.

Und wenn das Telefon dann klingelte, war plötzlich jeder Schritt im Flur zu laut. Man nahm ab und sagte möglichst beiläufig Hallo, obwohl man seit einer Stunde genau auf dieses Geräusch gewartet hatte.

Vielleicht dauerte das Gespräch drei Minuten. Vielleicht zwanzig. Danach lag man wieder wach und zerlegte jeden Satz in Bedeutungen, die der andere wahrscheinlich nie hineingelegt hatte.

Chris lächelt bei dem Gedanken. Nicht spöttisch. Eher darüber, wie ernst drei Worte sein konnten, wenn man nicht noch zweihundert Nachrichten hinterherschicken konnte.

Es gab auch die andere Sorte Nacht. Die, in der das Telefon gar nicht klingelte. Irgendwann wurde aus Erwartung Müdigkeit. Das Radio lief weiter, die Kassette drehte sich, draußen wurde es ruhiger. Man ging noch einmal in die Küche, nur damit überhaupt etwas passierte, trank Wasser direkt aus dem Glas und hörte beim Zurückgehen automatisch in den Flur.

Nichts.

Am nächsten Tag musste man mit dieser offenen Frage leben. Vielleicht traf man die Person abends ohnehin irgendwo. Vielleicht erst eine Woche später. Dann konnte ein einziger Blick alles wieder auf Anfang setzen.

Diese Verzögerung war nicht schöner. Manchmal war sie quälend. Aber sie gab Gefühlen Zeit, sich auszubreiten. Eine Nacht konnte tatsächlich lang sein, weil es keine Abkürzung zur Antwort gab.

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