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Jodeltime · KAPITEL 2

BERGBEBEN

BERGBEBEN

Die Geschichte

Am nächsten Morgen hat Daniel schlechte Nachrichten.

Chris merkt es daran, dass Daniel gute Laune hat.

Das ist verdächtig.

Sie sitzen in einem kleinen Frühstücksraum unten im Tal. Draußen hängt Nebel zwischen den Häusern. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Brot, Eier und eine Schale mit Marmelade, die Chris bislang erfolgreich ignoriert.

Daniel schaut auf sein Telefon.

Dann auf Chris.

Dann wieder auf das Telefon.

Chris legt das Messer hin.

„Sag’s.“

„Was?“

„Du machst dieses Gesicht.“

„Welches?“

„Das Gesicht, bei dem du gleich mein Leben komplizierter machst.“

Daniel versucht ernst zu bleiben.

Scheitert.

„Das Video läuft.“

Chris nimmt seinen Kaffee.

„Welches?“

Daniel sieht ihn an.

Chris seufzt.

„Natürlich das.“

„Nicht nur eins.“

„Wie viele?“

„Viele.“

„Zahl?“

Daniel dreht das Telefon um.

„Willst du wirklich?“

Chris schaut auf das Display.

Dann weg.

„Nein.“

Daniel nickt.

„Gut.“

Pause.

„Sehr viele.“

Chris schaut ihn wieder an.

„Du bist ein Arsch.“

„Ich wollte nur präzise sein.“

Der Soundcheck aus der Hütte ist überall.

Nicht professionell gefilmt.

Nicht sauber geschnitten.

Kein Licht.

Keine Kamerafahrt.

Keine Untertitel.

Nur ein verwackeltes Telefonvideo, schlechte Akustik und der Moment, in dem Sepp behauptet, nicht mitzuwippen.

Gerade deshalb funktioniert es.

Chris scrollt.

Ein Clip zeigt nur den Jodler.

Ein anderer den ersten Drop.

Ein dritter Sepps Fuß.

Der hat inzwischen ein Eigenleben.

Unter einem Video steht:

DER MANN KÄMPFT GEGEN DEN RHYTHMUS UND VERLIERT.

Chris legt das Telefon auf den Tisch.

„Das ist das Beste daran.“

Daniel nickt.

„Sepp hat geschrieben.“

„Was?“

„Er möchte juristische Schritte prüfen.“

Chris beginnt zu lachen.

„Gegen seinen Fuß?“

„Unklar.“

„Sag ihm, er soll dem Fuß kündigen.“

„Hab ich.“

Chris schaut ihn an.

„Wirklich?“

„Nein.“

Pause.

„Noch nicht.“

Das eigentliche Problem steht weiter unten in Daniels Nachrichten.

Anfragen.

Veranstalter.

Clubs.

Hütten.

Festivals.

Leute, die gestern noch nicht wussten, dass sie Jodel-Rap brauchen, sind heute erstaunlich sicher, dass sie genau darauf gewartet haben.

Daniel scrollt.

„Der von gestern will einen zweiten Termin.“

„Gut.“

„Größer.“

„Okay.“

„Der andere auch.“

„Welcher andere?“

Daniel nennt den Veranstalter vom Vorabend.

Den, der sich bereits während der Rückfahrt gemeldet hatte.

Chris erinnert sich.

Größere Bühne.

Deutlich größer.

„Was wollen die?“

Daniel schaut auf die Nachricht.

„Jodeltime.“

Chris nimmt ein Stück Brot.

„Das ist ein Song.“

„Für die nicht.“

Chris hält inne.

„Was dann?“

Daniel liest.

„Konzept.“

Chris kaut.

„Das ging schnell.“

Zwei weitere Nachrichten später heißt es plötzlich:

Alpine Rap Night.

Dann:

Jodel-Rave Special.

Dann:

Bergbeben Edition.

Chris sieht Daniel an.

„Bergbeben?“

Daniel nickt.

„Die haben einen Titel gebraucht.“

„Und haben einfach meinen genommen.“

„Scheint so.“

Chris lehnt sich zurück.

„Unverschämt.“

„Willst du absagen?“

Chris denkt keine Sekunde nach.

„Nein.“

Daniel grinst.

Der zweite Auftritt liegt höher.

Nicht romantisch höher.

Logistisch höher.

Die Straße zieht in Serpentinen nach oben, der Nebel wird dichter, und irgendwann verschwindet das Tal hinter einer grauen Wand.

Im Wagen laufen Nachrichten auf.

Eine Station spielt einen Ausschnitt.

Kein großes Radio.

Regional.

Aber immerhin Radio.

Chris hört die Moderation.

„…und jetzt mal etwas komplett anderes.“

Chris hebt den Blick.

Daniel grinst vom Beifahrersitz.

Dann kommt der Jodler.

Kurz.

Zu kurz.

Aber unverkennbar.

Chris lehnt sich vor.

„Mach lauter.“

Der Fahrer dreht auf.

Die Kick kommt.

Dann der Moderator:

„Keine Ahnung, was das genau ist. Aber es bleibt hängen.“

Daniel dreht sich um.

„Werbung.“

Chris nickt.

„Sehr differenziert.“

„Kostenlos.“

„Dann ist es Kunst.“

Die Location steht direkt am Hang.

Eine größere Berghütte.

Mehr Raum.

Mehr Technik.

Mehr Leute.

Und zum ersten Mal ein Banner draußen.

Chris sieht es schon beim Aussteigen.

Sein Name.

Darunter:

JODELTIME

Groß.

Sehr groß.

Zu groß.

Chris bleibt stehen.

Daniel kommt daneben.

„Problem?“

Chris zeigt auf das Banner.

„Das sieht aus, als hätten wir eine Religion gegründet.“

Daniel betrachtet es.

„Fehlt nur noch ein Symbol.“

„Gib keinem Ideen.“

Der Veranstalter heißt Georg.

Er kommt ihnen entgegen, spricht schnell und hat die nervöse Energie eines Menschen, der gleichzeitig begeistert und überfordert ist.

„Chris! Servus! Wahnsinn, dass ihr da seid.“

Chris gibt ihm die Hand.

„War vereinbart.“

„Ja, klar, aber trotzdem.“

Georg deutet auf die Hütte.

„Wir haben ein bisschen umgebaut.“

Daniel schaut zur Eingangstür.

„Wie viel ist ein bisschen?“

Georg lächelt.

Daniel sieht Chris an.

Chris kennt dieses Lächeln inzwischen auch.

Nicht gut.

Innen ist praktisch nichts mehr dort, wo es wahrscheinlich gestern noch stand.

Tische raus.

Bänke an die Wände.

Technik vorne.

Licht unter die Balken.

Zusätzliche Lautsprecher.

Ein Bereich hinter der Bühne.

Absperrungen.

Chris geht durch den Raum.

„Was war das vorher?“

Georg:

„Restaurant.“

Chris schaut auf die Traversenkonstruktion.

„Und jetzt?“

Georg strahlt.

„Bergbeben.“

Chris sieht Daniel an.

Daniel flüstert:

„Religion.“

Chris:

„Halt die Fresse.“

Beim Soundcheck wird klar, warum der Name passt.

Der Bass setzt ein.

Der Holzboden reagiert.

Nicht stark.

Aber genug.

Ein Techniker kniet sich hin und legt die Hand auf eine Diele.

Chris stoppt.

„Was machst du?“

Der Mann schaut hoch.

„Prüfen.“

„Was?“

„Ob das arbeitet.“

Chris sieht zu Daniel.

„Arbeitet der Boden?“

Daniel zuckt mit den Schultern.

„Offenbar.“

Der Techniker steht wieder auf.

„Alles gut.“

Chris:

„Wie beruhigend.“

„Solange keiner gleichzeitig springt.“

Stille.

Chris schaut in den späteren Publikumsbereich.

Dann zum Techniker.

„Du weißt schon, was heute passiert?“

Der Mann nickt langsam.

„Ja.“

Pause.

„Ich sag dem Chef Bescheid.“

Das Internet hat inzwischen beschlossen, dass der Satz Bergbeben ebenfalls lustig ist.

Nicht wegen des Songs.

Wegen der Kombination.

Jodeln.

808.

Alpen.

Boden.

Chris bekommt Videos geschickt, in denen Leute auf Balkonen versuchen, den Jodler nachzumachen.

Ein Mann in Arbeitskleidung singt ihn in eine Betonmischmaschine.

Eine Frau im Auto.

Drei Jugendliche an einer Bushaltestelle.

Ein älteres Ehepaar in einer Küche.

Der Mann macht nur „Holla“.

Die Frau übernimmt den Rest.

Chris schaut das Video zweimal.

Dann noch einmal.

Daniel sitzt neben ihm.

„Das ist gut.“

Chris nickt.

„Sehr.“

„Speichern?“

Chris hat es längst gespeichert.

Vor dem Einlass stehen diesmal deutlich mehr Leute.

Nicht hundertfünfzig.

Auch keine zweihundert.

Chris zählt nicht.

Er merkt nur, dass die Schlange um das Gebäude verschwindet.

Georg kommt herein.

„Wir haben ein Problem.“

Chris sieht Daniel an.

Daniel:

„Heute häufig.“

Georg:

„Es stehen noch Leute unten.“

„Wo unten?“

„Am Parkplatz.“

Daniel schaut aus dem Fenster.

Der Parkplatz ist weit weg.

„Warum?“

Georg lacht kurz.

„Weil hier oben nichts mehr geht.“

Chris:

„Wie viele Karten habt ihr verkauft?“

Georg nennt eine Zahl.

Chris schaut ihn an.

„Hier rein?“

„Ja.“

„Offiziell?“

Georg zögert.

Daniel hebt einen Finger.

„Falsche Richtung.“

Georg korrigiert sich.

„Mit genehmigter Erweiterung.“

Chris:

„Sehr viel besser.“

Dann kommt die Information, die Chris zum ersten Mal wirklich stoppen lässt.

„Ein paar sind ohne Karte hochgekommen“, sagt Georg.

„Okay.“

„Die stehen draußen.“

„Auch okay.“

„Die wollen nur hören.“

Chris schaut ihn an.

„Von draußen?“

Georg nickt.

„Offenbar.“

Daniel sagt nichts.

Chris geht zum Fenster.

Weiter unten stehen tatsächlich Menschen.

Nicht viele.

Aber genug.

Ein paar mit Getränken.

Einige lehnen an Geländern.

Sie sehen nicht einmal die Bühne.

Vielleicht hören sie später nur Bass durch die Wand.

Chris bleibt einen Moment stehen.

Gestern hatte eine kleine Hütte einen Song zweimal verlangt.

Heute fahren Menschen einen Berg hoch, obwohl sie keine Karte haben.

Das ist neu.

Chris dreht sich um.

„Können wir draußen Boxen machen?“

Georg schaut ihn an.

„Was?“

Daniel sofort:

„Nein.“

Chris:

„Warum?“

„Weil wir damit eine zweite Veranstaltung aufmachen.“

„Klein.“

Daniel:

„Du hast ein merkwürdiges Verhältnis zu diesem Wort.“

Chris grinst.

Georg denkt trotzdem nach.

„Vielleicht draußen ein Monitor.“

Daniel:

„Nein.“

Chris:

„Daniel.“

„Nein.“

Georg:

„Ich frag.“

Daniel schließt die Augen.

„Natürlich.“

Am Ende steht draußen kein vollständiges Soundsystem.

Aber eine Tür bleibt offen.

Zufällig.

Offiziell wegen Luft.

Sehr wichtig.

Chris stellt keine weiteren Fragen.

Die Show beginnt.

Diesmal wissen sie, was kommt.

Das ist der Unterschied.

Gestern musste Chris den Raum überzeugen.

Heute wartet der Raum auf ihn.

Schon beim Intro rufen einzelne:

„Holla!“

Chris hört es hinter der Bühne.

Daniel auch.

„Du hast ein Problem“, sagt er.

Chris zieht die Cap tiefer.

„Welches?“

„Die kennen den Witz.“

Chris sieht ihn an.

„Dann müssen wir besser sein als der Witz.“

Daniel nickt.

„Genau.“

Chris geht raus.

Der Raum explodiert.

Nicht erst bei Jodeltime.

Sofort.

Der erste Song trifft.

Der zweite noch stärker.

Die Leute sind dichter.

Lauter.

Bereit.

Das ist der Moment, in dem Chris versteht, dass gestern nicht nur ein lustiger Abend war.

Etwas hat sich bewegt.

Nicht groß genug für Schlagzeilen.

Noch nicht.

Aber genug, dass er es spürt.

Dann kommt Bergbeben.

Der Track startet mit Wind.

Ein paar Glocken.

Ein ferner Jodler.

Der Raum wird ruhiger.

Chris steht im Dunkeln.

Hinter ihm eine kalte Lichtfläche.

Vor ihm Schatten.

Da oben war’s still.

Bis jetzt.

Die Kick fällt.

„BERGBEBEN!“

Und alles springt.

Der Techniker hatte gesagt:

Solange nicht alle gleichzeitig springen.

Fehler.

Alle springen gleichzeitig.

Chris spürt den Boden.

Nicht nur Bass.

Bewegung.

Er schaut kurz nach unten.

Dann zu Daniel.

Daniel steht seitlich.

Sein Gesicht sagt:

Sag nichts.

Chris sagt natürlich etwas.

„DER BODEN LEBT!“

Die Leute schreien.

Daniel zeigt auf ihn.

Nein.

Chris grinst.

Die Hook.

„Bergbeben — spürst du den Stein?“

Antwort:

„HOLLA-DI-O!“

Chris braucht den zweiten Ruf gar nicht mehr vollständig.

Sie übernehmen.

Das Echo im Raum ist anders als gestern.

Größer.

Härter.

Von der Rückwand kommt alles zurück.

Ein halber Schlag später.

Chris hört seine eigene Stimme.

Dann die Menge.

Dann beides wieder.

Für einen Moment ist nicht klar, was zuerst da war.

Draußen antwortet jemand.

Chris hört es zwischen zwei Passagen.

Leise.

Weiter weg.

„HOLLA!“

Chris stoppt kurz.

Die Menge drinnen antwortet automatisch:

„HOLLA!“

Chris schaut zur offenen Seitentür.

Noch einmal.

Von draußen:

„HOLLA!“

Drinnen:

„HOLLA!“

Daniel lacht seitlich.

Chris hebt das Mikrofon.

„NOCH EINMAL!“

Diesmal antwortet draußen deutlich mehr.

„HOLLA-DI-O!“

Die Hütte rastet aus.

Da ist der Songtext plötzlich keine Übertreibung mehr.

Ein Ruf geht raus.

Etwas kommt zurück.

Nicht vom Berg.

Von Menschen.

Aber Chris interessiert der Unterschied gerade nicht.

Der Bass läuft runter.

Das Echo kommt hoch.

Chris spielt damit.

Kurzer Ruf.

Antwort.

Noch einer.

Größer.

Er lässt die Menge teilen.

Links.

Rechts.

Dann drinnen gegen draußen.

Vollkommen sinnlos.

Natürlich funktioniert es.

Die Leute draußen hören nur die Hälfte.

Sie schreien trotzdem.

Die Leute drinnen merken das und werden lauter.

Georg steht neben Daniel und hält sich beide Hände an den Kopf.

Nicht aus Verzweiflung.

Aus Freude.

Oder Angst.

Bei Veranstaltern ist das oft schwer zu unterscheiden.

Dann passiert das erste echte Bergbeben.

Nicht dramatisch.

Kein Fels fällt.

Keine Lawine.

Ein tiefer Schlag.

Dumpf.

Kurz.

Chris spürt ihn unter den Schuhen.

Der Track läuft gerade nicht.

Er bleibt stehen.

Einige im Publikum ebenfalls.

Der Techniker sieht zum Boden.

Daniel zu ihm.

Georg:

„Was war das?“

Niemand antwortet.

Dann wieder.

Tiefer.

Von draußen.

Oder darunter.

Schwer zu sagen.

Chris nimmt das Mikrofon.

„War das von uns?“

Gelächter.

Der Techniker schüttelt den Kopf.

Chris:

„Das ist nicht beruhigend.“

Noch mehr Gelächter.

Es stellt sich heraus:

Ein Lieferwagen ist unten über eine Metallrampe gefahren.

Mehr nicht.

Georg erfährt es übers Funkgerät.

Er ruft Daniel etwas zu.

Daniel gibt es Chris weiter.

Chris schaut ins Publikum.

„Entwarnung.“

Pause.

„Wir sind noch nicht stark genug.“

Der Raum buht.

Chris lacht.

„Arbeite dran.“

Beat.

Weiter.

Später beim Break nimmt Chris die Musik komplett raus.

Nur Wind aus den Lautsprechern.

Ein einzelner Jodler.

Dann Stille.

Er hört die Menschen atmen.

Schuhe auf Holz.

Ein Glas.

Irgendwo draußen eine Stimme.

Dann das Echo aus dem Raum.

Nicht perfekt.

Aber da.

Chris sagt:

„Hört ihr das?“

Einige rufen ja.

Andere still.

Chris wartet.

„Das kommt zurück.“

Bass.

Der Drop trifft.

Der Boden vibriert.

Und diesmal sieht sogar Daniel kurz nach unten.

Nach der Show ist der Gang hinter der Bühne voll.

Gestern waren es ein paar Leute.

Heute wartet eine Reihe.

Fotos.

Hände.

Fragen.

Ein Mann hält Chris sein Telefon hin.

„Meine Tochter!“

Chris schaut aufs Display.

Videoanruf.

Ein Mädchen im Bett.

Vielleicht zehn.

Völlig aufgeregt.

Chris nimmt das Telefon.

„Hi.“

Das Mädchen schreit.

Chris hält es kurz weiter weg.

Der Vater lacht.

„Sie hört das seit gestern.“

Chris schaut ihn an.

„Seit gestern?“

„Dauernd.“

Chris wieder zum Telefon.

„Das ist gesundheitlich bedenklich.“

Das Mädchen lacht.

„Kannst du Holla sagen?“

Chris sieht den Vater an.

„Das ist jetzt mein Leben.“

Der Vater nickt.

„Sieht so aus.“

Chris ins Telefon:

„Holla.“

Das Mädchen antwortet so laut, dass selbst Daniel am anderen Ende des Ganges lacht.

Nächster.

Eine Frau.

„Kannst du auf meine Jacke unterschreiben?“

„Sicher?“

„Ja.“

„Die sieht teuer aus.“

„Egal.“

Chris unterschreibt.

Sie betrachtet es.

„Perfekt.“

Chris:

„In einem Jahr hasst du mich.“

„Dann verkauf ich sie.“

Chris nickt.

„Unternehmerisch.“

Nächster.

Ein älterer Mann.

Keine Kamera.

Keine Unterschrift.

Er reicht Chris nur die Hand.

„Ich hör eigentlich keinen Rap.“

Chris nimmt die Hand.

„Das tut mir leid.“

Der Mann lacht.

„Das heute war geil.“

„Danke.“

„Das Jodeln auch.“

Chris schaut ihn an.

„Jetzt wird’s unglaubwürdig.“

„Meine Frau sagt dasselbe.“

Beide lachen.

Der Mann geht.

Chris sieht ihm kurz nach.

Daniel kommt von der Seite.

„Wir müssen weiter.“

Chris schaut auf die Reihe.

„Wohin?“

„Hinten.“

„Warum?“

„Telefon.“

Chris schließt die Augen.

„Natürlich.“

Im kleinen Büro sitzt Georg.

Vor ihm Laptop.

Daneben zwei Telefone.

Eines klingelt.

Das andere vibriert.

Georg sieht aus, als hätte jemand ihm gleichzeitig Weihnachten und eine Steuerprüfung geschenkt.

„Setzt euch.“

Chris bleibt stehen.

„Das klingt nach Meeting.“

„Ist es nicht.“

Daniel setzt sich.

Chris sieht ihn an.

„Verräter.“

Georg dreht den Laptop.

Videos.

Clips.

Posts.

Ein regionales Portal.

Ein Veranstalter.

Dann ein größeres Musikportal, das den Soundcheckclip aufgegriffen hat.

Keine große Story.

Nur ein kurzer Post:

Jodel-Rap aus den Bergen? Keine Ahnung. Aber hört euch das an.

Chris liest.

„Sehr journalistisch.“

Daniel:

„Trifft es.“

Georg:

„Die Zahlen—“

Chris und Daniel gleichzeitig:

„Nein.“

Georg stoppt.

„Okay.“

Chris schaut zu Daniel.

„Schön.“

Daniel nickt.

„Teamarbeit.“

Georg scrollt weiter.

„Anfrage aus München.“

Chris hebt den Blick.

„Was?“

„Show.“

Daniel:

„Größe?“

Georg nennt die Kapazität.

Chris schweigt.

Das ist keine Hütte mehr.

Nicht einmal annähernd.

Daniel schaut ihn an.

„Zu früh?“

Chris denkt nach.

Die Antwort wäre einfach:

Ja.

Gestern hundertfünfzig.

Heute deutlich mehr.

Als Nächstes direkt diese Größe?

Das ist absurd.

Genau deshalb reizt es ihn.

„Wann?“

Daniel sieht ihn an.

Dann Georg.

Georg grinst.

„Das heißt ja.“

Chris:

„Das heißt wann.“

Daniel:

„Das heißt ja.“

Chris schaut ihn an.

„Du wirst anstrengend.“

„Erfolg.“

„Noch nicht.“

Daniel lächelt.

„Mal sehen.“

Draußen hat sich die Menge noch nicht aufgelöst.

Musik läuft.

Menschen stehen vor der Hütte.

Jemand hat einen kleinen Lautsprecher.

Natürlich läuft Jodeltime.

Chris hört es beim Rausgehen.

Ein paar erkennen ihn.

Dann mehr.

Sein Name.

Telefone.

Chris bleibt.

Fotos.

Nicht lange.

Aber länger als Daniel möchte.

Ein Typ sagt:

„Bergbeben war geisteskrank.“

Chris:

„Danke.“

„Macht ihr jetzt nur noch so Zeug?“

Chris schaut ihn an.

Die Frage bleibt einen Moment hängen.

„Keine Ahnung.“

Der Typ lacht.

„Bitte schon.“

Chris grinst.

„Dann erst recht nicht.“

Später sitzen sie im Wagen.

Wieder Talwärts.

Wieder Telefone.

Diesmal mehr.

Chris schaut auf sein Display.

Videos vom Abend sind bereits draußen.

Einer zeigt die offene Seitentür.

Drinnen Chris.

Draußen Menschen.

Call.

Response.

Holla.

Antwort.

Der Clip endet genau beim Drop.

Chris schaut ihn noch einmal.

Daniel arbeitet neben ihm.

„Was?“

Chris dreht das Telefon.

Daniel sieht.

„Gut.“

„Mhm.“

„Sehr gut.“

Chris schaut wieder hinaus.

Nebel hängt zwischen den Hängen.

Ein paar Lichter.

Dann Dunkelheit.

Daniel tippt weiter.

Dann:

„Chris.“

„Was?“

„Die wollen eine Entscheidung.“

Chris lacht leise.

„Natürlich.“

„München.“

Chris schaut zu ihm.

„Jetzt?“

„Ja.“

„Wir sitzen im Auto.“

„Die wissen das nicht.“

„Dann sag ihnen, wir sitzen im Auto.“

Daniel tippt.

„Erledigt.“

Chris wartet.

„Und?“

Daniel schaut aufs Display.

„Sie sagen, sie brauchen trotzdem eine Entscheidung.“

Chris lehnt den Kopf an die Scheibe.

„Beeindruckend.“

Er denkt an gestern.

Sepp.

Die kleine Hütte.

Der Fuß.

Hundertfünfzig Leute.

Ein Song, bei dem niemand wusste, ob er funktioniert.

Das liegt gefühlt weit zurück.

Dabei war es gerade erst.

Chris schaut zum Telefon.

Die Anfrage.

Größere Bühne.

Mehr Menschen.

Mehr Technik.

Mehr Risiko.

Mehr von allem.

Er spürt, wie etwas in ihm hochzieht.

Keine Angst.

Vorfreude.

Das muss klar bleiben.

Er will das.

Sehr sogar.

„Mach.“

Daniel schaut zu ihm.

„München?“

„Ja.“

„Sicher?“

Chris dreht den Kopf.

„Frag noch einmal und ich sage nein.“

Daniel tippt sofort.

„Bestätigt.“

Chris lacht.

Zwei Sekunden später kommt die Antwort.

Daniel liest.

Sein Gesicht verändert sich.

„Was?“

„Die wollen Jodeltime als Headliner-Block.“

Chris runzelt die Stirn.

„Was soll das sein?“

Daniel liest weiter.

„Mehrere Songs.“

Chris schaut ihn an.

„Wir haben zwei.“

Daniel hebt das Telefon.

„Dann haben wir offenbar ein Problem.“

Chris sieht aus dem Fenster.

Unten zieht das Tal vorbei.

Er denkt an den Abend.

An das Echo.

An die Leute draußen.

An den Boden.

An den Mann, der eigentlich keinen Rap hört.

An das Mädchen im Videoanruf.

An die Anfrage.

An mehrere Songs.

Dann lächelt er.

„Nein.“

Daniel wartet.

Chris dreht sich zu ihm.

„Wir haben Arbeit.“

Irgendwo hinter ihnen liegt die Hütte.

Der Bass ist längst aus.

Die Menschen fahren nach Hause.

Der Boden steht still.

Aber das eigentliche Beben beginnt erst jetzt.

Und diesmal kommt es nicht aus dem Berg.

Es läuft durch Telefone.

Durch Videos.

Durch Nachrichten.

Von einem Menschen zum nächsten.

Ein Ruf wird zu zehn.

Aus zehn wird ein Chor.

Und irgendwo wartet bereits die nächste Bühne.

Der Berg gibt alles zurück.