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Jodeltime · KAPITEL 1

JODELTIME

JODELTIME

Die Geschichte

Niemand im Raum ist sich sicher, ob das eine gute Idee ist.

Chris eingeschlossen.

Die Hütte liegt oberhalb des Tals, halb Veranstaltungsort, halb Trotzreaktion gegen jede moderne Bauvorschrift. Dunkles Holz, niedrige Decke, schwere Balken, eine kleine Bühne an der Stirnseite und Fenster, durch die man weiter unten einzelne Lichter zwischen den Berghängen sieht.

Draußen ist es ruhig.

Drinnen diskutieren vier Menschen darüber, ob eine 808 eine traditionelle Holzkonstruktion beschädigen kann.

„Kann sie nicht“, sagt der Techniker.

Daniel sieht zur Decke.

„Das klang jetzt nicht besonders überzeugt.“

Der Techniker zuckt mit den Schultern.

„Ich hab gesagt: kann nicht.“

Chris lehnt an der Bühne.

„Und gedacht?“

„Versicherung.“

Daniel schließt kurz die Augen.

„Sehr gut.“

Chris grinst.

Das ist ungefähr die Stimmung.

Auf dem Laptop läuft die Instrumentalspur.

Noch leise.

Ein tiefer Bass.

Trockene Drums.

Dann diese Melodie.

Alpin genug, dass jeder sofort versteht, worauf sie anspielt.

Falsch genug, dass niemand behaupten kann, es sei Volksmusik.

Chris hört zu.

Ein Mann vom Veranstalter steht daneben.

Sepp.

Breiter Schnurrbart, rote Weste, das Gesicht eines Menschen, der seit zwanzig Jahren erlebt, wie Künstler vor Shows erklären, sie hätten „etwas ganz Neues“ dabei.

Sepp verschränkt die Arme.

„Und da jodelst du drauf?“

Chris sieht ihn an.

„Teilweise.“

„Du.“

„Ja.“

„Jodeln.“

„So ist momentan der Plan.“

Sepp schaut zu Daniel.

Daniel hebt beide Hände.

„Ich war nicht dabei.“

„Feigling“, sagt Chris.

„Professionelle Distanz.“

Sepp hört weiter zu.

Die Kick setzt stärker ein.

Er verzieht keine Miene.

„Ist das Rap?“

„Auch.“

„Und Jodeln.“

„Auch.“

„Und was ist das andere?“

Chris hört auf den Bass.

„Druck.“

Sepp nickt langsam.

Nicht weil ihn die Antwort überzeugt.

Eher weil sie die Sache beendet.

„Gut.“

Er geht.

Daniel wartet, bis die Tür zu ist.

Dann:

„Der hasst es.“

Chris schaut auf den Laptop.

„Noch.“

Die Idee war nicht vernünftig entstanden.

Das spricht im Nachhinein für sie.

Kein Meeting.

Keine Präsentation.

Kein Konzeptpapier mit Worten wie Zielgruppe, Synergie oder kulturelle Neukodierung.

Chris hatte mit einer Melodie herumgespielt.

Ein Jodelmotiv.

Erst ironisch.

Dann weniger ironisch.

Dann hatte jemand Bass daruntergelegt.

Dann mehr Bass.

Dann Chris:

„Nochmal.“

Irgendwann war aus einer Sache, über die alle gelacht hatten, eine Sache geworden, bei der plötzlich keiner mehr lachte.

Zumindest nicht während der Hook.

Danach wieder.

Und genau diese Mischung gefiel ihm.

Es durfte albern sein.

Nur nicht beliebig.

Daniel steht vor der Bühne und sieht auf seine Liste.

„Wir haben heute vielleicht hundertfünfzig Leute.“

Chris schaut in den Raum.

„Passen hier hundertfünfzig rein?“

Daniel schaut ebenfalls.

„Offiziell?“

„Ah.“

„Inoffiziell mehr.“

„Sehr beruhigend.“

Daniel wischt über sein Tablet.

„Das ist bewusst klein.“

Chris dreht sich zu ihm.

„Was?“

„Heute.“

„Ich weiß.“

„Nur damit du später nicht sagst, keiner hätte dich gewarnt.“

Chris hebt eine Augenbraue.

„Vor hundertfünfzig Leuten?“

Daniel sieht ihn an.

„Vor dem Song.“

Chris wartet.

„Du glaubst wirklich, das funktioniert.“

Daniel denkt kurz nach.

„Ich glaube, entweder funktioniert es richtig.“

Pause.

„Oder überhaupt nicht.“

Chris nickt.

„Solide Prognose.“

„Ich arbeite datenbasiert.“

„Mit zwei Optionen.“

„Effizient.“

Beim Soundcheck stehen zwölf Leute im Raum.

Drei Techniker.

Sepp.

Zwei Bedienungen.

Ein Koch in weißer Jacke.

Jemand, von dem keiner weiß, warum er da ist.

Und ein paar Menschen, die offiziell Dinge vorbereiten und auffällig oft Richtung Bühne schauen.

Chris nimmt das Mikrofon.

„Einmal Hook.“

Der Techniker hebt den Daumen.

Der Track startet.

Tiefe Kick.

Bass.

Der Raum verändert sich sofort.

Nicht metaphorisch.

Das Holz arbeitet.

Ein Glas an der Bar beginnt leicht zu wandern.

Sepp sieht hin.

Dann zur Anlage.

„Das Glas war vorher da drüben“, sagt Chris.

Daniel schaut ihn an.

„Nein.“

„Schade.“

Dann kommt die Hook.

Chris setzt ein.

Jodel.

Rap.

Bass.

Eine Bedienung bleibt mitten im Raum stehen.

Der Koch schaut aus der Küchentür.

Der unbekannte Mann fängt an zu grinsen.

Sepp nicht.

Noch nicht.

Chris beendet die Passage.

Stille.

Der Techniker drückt Talkback.

„Nochmal.“

Chris schaut zu ihm.

„Problem?“

„Nein.“

„Dann warum?“

Der Mann lehnt sich vor.

„Weil ich's nochmal hören will.“

Daniel sieht Chris an.

Chris sieht Daniel an.

Da ist der erste Moment.

Klein.

Noch bedeutungslos.

Aber da.

Beim zweiten Durchlauf filmt die Bedienung heimlich.

Sehr schlecht heimlich.

Chris sieht das Telefon.

Sie bemerkt seinen Blick und senkt es sofort.

Chris zeigt darauf.

„Wenn schon, dann wenigstens gerade.“

Sie lacht.

Hebt das Telefon wieder.

Diesmal offen.

Sepp schüttelt den Kopf.

„Ihr macht mich fertig.“

Chris deutet auf ihn.

„Du wippst.“

„Tu ich nicht.“

Alle schauen auf Sepps Fuß.

Er steht still.

Jetzt.

Daniel beginnt zu lachen.

Sepp zeigt auf ihn.

„Du bist gleich draußen.“

„Ich arbeite.“

„Noch.“

Chris muss den Song abbrechen.

Am Nachmittag kommen erste Leute hoch.

Früher als geplant.

Chris sitzt hinten in einem kleinen Raum, der offiziell Garderobe heißt, praktisch aber hauptsächlich aus einem Tisch, vier Stühlen und einem Kühlschrank besteht.

Auf dem Tisch liegt seine Cap.

Daneben ein Glas.

Daniel kommt herein.

„Kleine Änderung.“

Chris schaut ihn an.

„Fängt früh an.“

„Es sind draußen mehr.“

„Wie viel mehr?“

Daniel macht eine Handbewegung.

„Mehr.“

„Sehr präzise.“

„Der Parkplatz ist voll.“

Chris sieht ihn an.

„Der Parkplatz hat zwölf Plätze.“

„Und die Straße.“

„Daniel.“

„Und unten fahren Shuttles.“

Chris richtet sich auf.

„Welche Shuttles?“

„Die vom Veranstalter.“

„Seit wann?“

„Seit ungefähr zwanzig Minuten.“

Chris nimmt die Cap.

„Warum?“

Daniel sieht ihn an.

„Weil Leute hochwollen.“

„Wegen der Show?“

„Nein, wegen der Aussicht.“

Chris wirft ihm die Cap zu.

Daniel fängt sie.

„Arsch.“

„Bitte.“

Draußen vor der Hütte steht eine Schlange.

Keine riesige.

Aber eine echte.

Chris sieht sie durch ein Seitenfenster.

Menschen in Jacken.

Ein paar Trachten.

Ein paar komplett normal.

Zwei Typen in Hoodies.

Eine Gruppe Frauen.

Ein älteres Paar.

Jemand hält eine kleine Bluetoothbox.

Darauf läuft Musik.

Chris hört genauer hin.

Sein Song.

Nicht der neue.

Ein älterer.

Er bleibt stehen.

Daniel kommt neben ihn.

„Nicht schlecht.“

Chris schaut weiter.

„Die sind früh.“

„Mhm.“

„Wie viele Karten?“

Daniel zieht das Telefon heraus.

Chris sieht ihn an.

„Sag nicht.“

Daniel steckt es wieder weg.

„Lernfähig.“

Kurz vor Einlass kommt Sepp in die Garderobe.

Ohne anzuklopfen.

„Wir müssen reden.“

Chris und Daniel sehen sich an.

Daniel:

„Das sagt heute jeder.“

Sepp ignoriert ihn.

„Die Leute fragen nach dem Jodelsong.“

Chris runzelt die Stirn.

„Welcher Jodelsong?“

Sepp sieht ihn an.

„Wie viele hast du?“

Chris sagt nichts.

Sepp hebt sein Telefon.

Auf dem Display läuft ein Video.

Soundcheck.

Gefilmt von schräg hinten.

Die Bedienung.

Chris erkennt die Perspektive.

Darunter Kommentare.

Nicht viele.

Aber genug.

Was zur Hölle ist das?

Wann kommt das?

Das ist komplett bescheuert. Ich brauch es.

Bitte sagt mir, dass das echt ist.

Chris liest.

Daniel lehnt sich näher.

„Wie lange ist das online?“

Sepp schaut.

„Knapp eine Stunde.“

Chris hebt den Blick.

„Und?“

Sepp steckt das Telefon weg.

„Die Leute fragen danach.“

Daniel grinst.

„Die Aussicht.“

Chris zeigt auf ihn.

„Einmal noch.“

Der Raum füllt sich.

Schneller als erwartet.

Die Bänke sind zuerst voll.

Dann der Bereich davor.

Dann die Stellen, die eigentlich keine Stehplätze sind, bis jemand dort steht.

Sepp läuft durch die Hütte und diskutiert mit Personal.

Daniel telefoniert.

Chris sitzt hinten und hört den Geräuschpegel steigen.

Noch kein Jubel.

Nur Menschen.

Gespräche.

Gläser.

Lachen.

Dieses tiefe Grundrauschen vor einer Show.

Chris kennt es.

Normalerweise beruhigt es ihn.

Heute nicht.

Heute ist etwas anders.

Nicht Angst.

Eher die Frage:

Was, wenn das wirklich funktioniert?

Direkt dahinter:

Was, wenn nicht?

Beide Gedanken sind gleich nervig.

Daniel kommt rein.

„Bereit?“

Chris schaut ihn an.

„Nein.“

Daniel nickt.

„Gut.“

„Gut?“

„Wenn du ja gesagt hättest, hätte ich mir Sorgen gemacht.“

Chris steht auf.

Cap.

Jacke aus.

Mikrofon.

„Wie voll?“

Daniel lächelt.

„Sehr.“

„Zahl?“

„Willst du?“

Chris denkt nach.

„Nein.“

„Gut.“

Sie gehen.

Der Gang zur Bühne ist schmal.

Holzwand links.

Getränkekisten rechts.

Vor ihnen ein Vorhang.

Dahinter Stimmen.

Chris hört seinen Namen.

Einmal.

Dann wieder.

Nicht als Chant.

Noch nicht.

Einfach Gespräche.

Daniel steht neben ihm.

„Der neue Song kommt spät im Set.“

Chris schaut zu ihm.

„Nein.“

„Was nein?“

„Früher.“

„Warum?“

Chris hört den Raum.

„Wenn er nicht funktioniert, will ich nicht eine Stunde darauf warten.“

Daniel denkt kurz nach.

„Argument.“

„Und wenn er funktioniert—“

Chris stoppt.

„Dann?“

Chris grinst.

„Dann wissen wir's früher.“

Daniel hebt sein Funkgerät.

„Track vier.“

Aus dem Hörer kommt:

„War Track neun.“

„Jetzt vier.“

Pause.

„Warum?“

Daniel sieht Chris an.

Chris hebt die Schultern.

Daniel ins Funkgerät:

„Künstler.“

Antwort:

„Natürlich.“

Die ersten drei Songs laufen stark.

Mehr als stark.

Der Raum ist sofort da.

Textsicher.

Laut.

Chris braucht niemanden aufzuwärmen.

Schon beim ersten Song fliegen Hände hoch.

Beim zweiten singt ein Teil der Hütte mit.

Beim dritten steht jemand auf einer Bank.

Sepp sieht es.

Chris ebenfalls.

Sepp zeigt auf die Person.

Runter.

Die Person setzt sich.

Dreißig Sekunden später steht sie wieder.

Chris lacht mitten in einer Zeile.

Dann wird es ruhig.

Track vier.

Chris geht nach hinten.

Trinkt.

Der Techniker wartet.

Daniel steht seitlich.

Chris sieht ihn.

Daniel hebt zwei Finger.

Dann einen.

Der Track startet.

Almklang.

Dunkle Fläche.

Dann Bass.

Die Reaktion ist zunächst genau das, was Chris erwartet hat.

Verwirrung.

Nicht Ablehnung.

Diese kleine kollektive Sekunde, in der ein Raum versucht herauszufinden, ob er gerade verarscht wird.

Chris kennt sie.

Er liebt sie.

Er setzt ein.

Die ersten Zeilen.

Noch Aufmerksamkeit.

Noch kein Abriss.

Dann:

Jodel.

Irgendwo vorne lacht jemand.

Nicht spöttisch.

Überrascht.

Daneben ruft jemand:

„JAAAA!“

Chris muss fast grinsen.

Die Kick fällt.

Und die Hütte ändert ihren Zustand.

Es passiert schneller, als er denken kann.

Hände gehen hoch.

Ein ganzer Tisch springt gleichzeitig auf.

Jemand schreit das Jodelmotiv zurück.

Falsch.

Komplett falsch.

Aber laut.

Chris antwortet.

Der Raum antwortet wieder.

Jetzt noch mehr.

Der Bass drückt durch den Boden.

Die Holzwände vibrieren.

Ein Glas fällt.

Nicht symbolisch.

Wirklich.

Chris sieht es am Rand.

Sepp ebenfalls.

Beide schauen kurz hin.

Dann zueinander.

Chris zeigt mit dem Mikrofon auf das Glas.

Sepp hebt warnend einen Finger.

Chris lacht.

Weiter.

Die Hook kommt wieder.

Diesmal singt ein Teil der Hütte schon mit.

Nicht den Text.

Den Jodler.

Das reicht.

Holla-di-o.

Der Raum:

„HOLLA-DI-O!“

Chris:

„Holla-di-e!“

Antwort.

Noch lauter.

Plötzlich ist es kein Experiment mehr.

Keine Mischung.

Keine Idee.

Es ist ein eigener Zustand.

Rap funktioniert.

Jodel funktioniert.

Bass funktioniert.

Und niemand im Raum fragt mehr, ob das zusammengehört.

Weil es längst passiert.

Chris sieht Daniel am Bühnenrand.

Daniel hält das Telefon hoch.

Nicht filmen.

Display.

Eine Nachricht nach der anderen.

Chris kann nichts lesen.

Er sieht nur, dass es nicht aufhört.

Daniel sieht ihn.

Schüttelt langsam den Kopf.

Nicht negativ.

Mehr:

Was zur Hölle?

Chris hebt die Augenbrauen.

Dann dreht er sich wieder zum Raum.

Der Break kommt.

Chris nimmt das Mikrofon vom Mund.

Lässt die Menschen übernehmen.

Zuerst einzelne Stimmen.

Dann mehr.

Der Jodler wandert durch die Hütte.

Holprig.

Besoffen.

Perfekt.

Ein Typ hinten springt auf eine Bank und dirigiert seine Gruppe.

Eine Frau vorne hat beide Hände über dem Kopf.

Der Koch steht wieder in der Küchentür.

Immer noch mit weißer Jacke.

Jetzt singt er mit.

Chris zeigt auf ihn.

„Der Mann weiß Bescheid!“

Die Hütte jubelt.

Der Koch hebt einen Kochlöffel.

Sepp steht daneben.

Und wippt.

Diesmal eindeutig.

Chris sieht es.

Stoppt fast.

„SEPP!“

Sepp schaut zur Bühne.

Zu spät.

Der Raum folgt Chris' Blick.

Chris zeigt auf Sepps Fuß.

„ER WIPPT!“

Gelächter.

Sepp schaut nach unten.

Dann zu Chris.

Mittelfinger.

Die Hütte explodiert.

Chris kann mehrere Sekunden nicht weiterrappen.

Der Song endet.

Normalerweise wäre jetzt der nächste Track.

Chris hebt die Hand.

Techniker stoppt.

Der Raum brüllt weiter.

Nicht seinen Namen.

Noch nicht.

Etwas anderes.

„NOCHMAL!“

Chris schaut zu Daniel.

Daniel schaut zum Techniker.

Techniker zu Chris.

Chris sagt ins Mikrofon:

„Ihr habt den doch gerade gehört.“

Buhen.

Chris nickt.

„Gutes Argument.“

Der Beat startet erneut.

Beim zweiten Durchlauf kennen sie ihn.

Das ist unmöglich.

Natürlich kennen sie ihn nicht.

Aber sie verhalten sich so.

Die Hook sitzt plötzlich besser.

Der Jodler größer.

Die Leute wissen, wo die Kick fällt.

Jemand schreit vorher schon.

Chris spürt den Moment körperlich.

Nicht Erfolg.

Noch nicht.

Etwas davor.

Die Sekunde, in der eine Sache nicht mehr nur dir gehört.

Der zweite Durchlauf endet.

Diesmal lässt Chris keine Wiederholung zu.

„Sonst haben wir gleich ein Album mit einem Song.“

Jemand vorne ruft:

„REICHT!“

Chris lacht.

„Geschmackssicher.“

Der Rest der Show läuft anders.

Nicht schlechter.

Aber der Raum wartet.

Zwischen Songs hört Chris immer wieder:

„Jodeltime!“

Der Name existiert plötzlich.

Chris weiß nicht, wer ihn zuerst gerufen hat.

Vielleicht stand er irgendwo.

Vielleicht hat jemand das Soundcheckvideo gesehen.

Egal.

Er ist da.

Jodeltime.

Das Wort springt zwischen den Leuten hin und her.

Am Ende des Sets ruft es ein ganzer Bereich.

Chris geht von der Bühne.

Hinter dem Vorhang:

„Was zum Fick.“

Daniel wartet.

„Ja.“

„Was war das?“

„Ich hab zwei Theorien.“

„Welche?“

„Entweder wir haben gerade etwas sehr Gutes gemacht.“

„Und zwei?“

Daniel hält sein Telefon hoch.

Der Bildschirm ist voll.

Nachrichten.

Tags.

Videos.

„Wir haben ein Problem.“

Chris sieht ihn an.

„Was?“

Daniel grinst.

„Es gefällt ihnen.“

Sepp kommt herein.

Schweiß im Gesicht.

„Ihr seid wahnsinnig.“

Chris nimmt eine Flasche.

„Du hast gewippt.“

„Halt's Maul.“

Daniel lacht.

Sepp zeigt Richtung Gastraum.

„Die wollen den nochmal.“

„Dreimal ist krank.“

„Die stehen nicht auf Vernunft.“

„Merke ich.“

Sepp sieht Chris an.

„Mach ihn als letzten.“

Chris denkt nach.

Daniel sagt:

„Ja.“

Chris schaut zu ihm.

„Du entscheidest jetzt?“

„Ausnahmsweise.“

Sepp:

„Bitte.“

Chris nimmt das Mikrofon wieder.

„Gut.“

Als er zurück auf die Bühne geht, braucht er nichts zu sagen.

Der Raum erkennt an seinem Gesicht, was kommt.

Das Geräusch steigt.

Chris wartet.

Noch.

Noch eine Sekunde.

Dann:

„Holla—“

Die Antwort kommt, bevor er fertig ist.

So laut, dass Chris den Rest verschluckt.

Er schaut in den Raum.

Unfassbar.

Hundertfünfzig Leute.

Vielleicht mehr.

Keine Ahnung.

Gerade völlig egal.

Der Beat fällt.

Und die Hütte zerbricht nicht.

Aber sie gibt sich Mühe.

Später steht Chris draußen.

Die Show ist vorbei.

Der Berg nicht.

Die Nacht ist kalt.

Unten liegen die Lichter des Tals.

Hinter ihm dringen Stimmen durch die Holzwände.

Jemand singt noch immer den Jodler.

Sehr schlecht.

Chris zieht die Jacke enger.

Die Tür geht auf.

Daniel kommt raus.

Zwei Telefone.

Chris sieht sie an.

„Warum hast du zwei?“

„Eins gehört Sepp.“

„Warum?“

„Seins hört nicht auf.“

„Meins?“

Daniel schaut ihn an.

„Willst du's wirklich wissen?“

Chris zieht sein eigenes heraus.

Display.

Benachrichtigungen.

Sehr viele.

Mehr als nach einer Show dieser Größe sinnvoll wären.

Clips.

Markierungen.

Nachrichten.

Eine davon von jemandem, den Chris seit Monaten nicht gesprochen hat:

Was zur Hölle ist Jodeltime?

Chris zeigt Daniel.

Daniel liest.

„Gute Frage.“

Die Tür öffnet sich wieder.

Sepp.

„Da seid ihr.“

Chris hebt die Hand.

„Wenn du jetzt 'nur kurz' sagst, kündige ich.“

Sepp versteht den Satz nicht.

Noch nicht.

Das kommt später.

„Nein. Anruf.“

Er hält Daniel sein Telefon hin.

Daniel schaut aufs Display.

„Wer?“

Sepp nennt einen Veranstalter.

Daniel sieht Chris an.

Chris kennt den Blick.

„Was?“

Daniel nimmt das Telefon.

„Die haben das Video gesehen.“

Chris schaut zur Hütte.

„Welches?“

Sepp lacht.

„Alle.“

Daniel geht ein paar Schritte weg.

Telefon am Ohr.

Chris bleibt mit Sepp stehen.

Eine Weile sagen beide nichts.

Aus der Hütte:

„HOLLA-DI-O!“

Chris schließt die Augen.

Sepp schaut ihn an.

„Das geht dir jetzt nicht mehr weg.“

Chris öffnet sie.

„Was?“

Sepp deutet hinter sich.

„Das.“

Chris schaut auf die Hütte.

„War ein Song.“

Sepp schnaubt.

„War.“

Daniel kommt zurück.

„Sie wollen euch.“

Chris:

„Wen?“

„Dich.“

„Du hast euch gesagt.“

Daniel sieht ihn an.

„Dich und den Song.“

Chris lacht.

„Sehr gute Karriereentwicklung.“

„Größere Bühne.“

„Wann?“

Daniel nennt keinen Zeitpunkt.

Nur den Ort.

Chris kennt ihn.

Deutlich größer.

„Warum?“

Daniel hält das Telefon hoch.

„Video.“

Chris sieht wieder auf sein eigenes Display.

Neue Nachricht.

Noch eine.

Noch eine.

Ein Clip.

Die Bedienung vom Soundcheck.

Der ursprüngliche.

Darunter inzwischen deutlich mehr Reaktionen.

Chris öffnet ihn.

Schräges Bild.

Schlechter Ton.

Im Hintergrund Sepp.

Ganz kurz wippt sein Fuß.

Chris beginnt zu lachen.

„Was?“, fragt Daniel.

Chris zeigt ihm das Video.

Daniel sieht es.

Dann Sepp.

„Oh nein.“

Sepp nimmt das Telefon.

Schaut.

Sein Gesicht fällt.

Chris:

„Das bleibt für immer.“

„Lösch das.“

„Ist nicht meins.“

„Sag ihr, sie soll es löschen.“

Daniel scrollt.

„Zu spät.“

Sepp schaut ihn an.

„Wie zu spät?“

Daniel zeigt den Bildschirm.

Kopien.

Reposts.

Clips.

Chris legt Sepp eine Hand auf die Schulter.

„Du bist jetzt Teil der Kultur.“

Sepp stößt seine Hand weg.

„Fick dich.“

Sie stehen draußen und lachen.

Nicht weil irgendwer schon versteht, was gerade passiert.

Niemand versteht es.

Das macht es besser.

Chris schaut wieder ins Tal.

Dort unten ist alles ruhig.

Von hier oben sieht man keine Kommentare.

Keine Zahlen.

Keine Telefone.

Nur Lichter.

Hinter ihm singt wieder jemand.

Holla-di-o.

Dann antworten andere.

Chris dreht sich um.

Die Hütte ist längst keine Bühne mehr.

Die Show ist vorbei.

Trotzdem läuft der Song weiter.

Ohne ihn.

Das trifft anders.

Daniel steht neben ihm.

„Chris.“

„Mhm.“

„Ich glaube, das Ding wird groß.“

Chris schaut zur Tür.

Dann zu Daniel.

„Wegen hundertfünfzig Leuten?“

Daniel hält das Telefon hoch.

„Nicht wegen denen.“

Chris wartet.

„Wegen dem, was die gerade damit machen.“

Chris schaut wieder auf die Benachrichtigungen.

Er steckt das Telefon weg.

„Mal sehen.“

Daniel nickt.

„Mal sehen.“

Auf dem Rückweg ins Tal sitzt Chris hinten im Wagen.

Daniel vorne.

Sepp hat ihnen eine Tüte Essen mitgegeben.

Keine Brezel.

Das wird später noch relevant.

Chris hält die Tüte auf den Knien.

Das Telefon liegt daneben.

Es leuchtet immer wieder auf.

Chris dreht es schließlich um.

Display nach unten.

Nicht weil es ihn nervt.

Noch nicht.

Er will nur kurz aus dem Fenster sehen.

Der Wagen fährt bergab.

Hinter ihnen verschwindet die Hütte.

Dann der Berghang.

Dann die letzten Lichter oben.

Chris glaubt, der Abend sei vorbei.

Das ist sein erster Irrtum.

Auf Daniels Telefon kommt eine Nachricht.

Dann noch eine.

Daniel schaut darauf.

Sagt nichts.

Chris sieht ihn im Rückspiegel.

„Was?“

Daniel dreht sich halb um.

„Der nächste will den Song.“

Chris grinst.

„Welcher nächste?“

Daniel nennt einen Namen.

Chris hört auf zu grinsen.

„Der?“

„Ja.“

„Woher kennt der den?“

Daniel hält sein Telefon hoch.

„Jodeltime.“

Chris sieht wieder aus dem Fenster.

Unten öffnet sich das Tal.

Er denkt an die letzte Zeile des Songs.

Damals war sie nur eine Zeile gewesen.

Jetzt klingt sie plötzlich wie eine Beschreibung.

Chris fährt vom Berg runter.

Und der Berg kommt mit.