ALPENGIFT I: HÜTTENGIFT
Die Geschichte
Chris braucht einen Tisch für zwei.
„Unmöglich", sagt die Frau am Empfang.
Dann schaut sie hoch.
Es dauert vielleicht eine Sekunde.
„Einen Moment."
Chris steckt die Hände in die Jackentaschen.
„Wegen mir müsst ihr jetzt nichts—"
„Einen Moment."
Sie ist schon weg.
Neben ihm lehnt ein Mann in Skihose am Tresen und beobachtet die Szene. Er mustert Chris, schaut auf sein Telefon, wieder zu Chris, noch einmal aufs Telefon.
Chris kennt die Reihenfolge.
Der Mann sagt nichts.
Noch nicht.
Die Frau kommt zurück.
„Wir hätten oben etwas."
„Für zwei?"
„Für Sie."
Das gefällt Chris weniger.
„Ich brauch wirklich nur einen Tisch."
„Natürlich."
Sie lächelt professionell.
„Der hat sechs Plätze."
Chris sieht sie an.
„Dann sitzen vier von uns sehr ruhig."
Zum ersten Mal lacht sie.
„Ich bringe Sie hoch."
Hinter ihm hört Chris:
„Entschuldigung?"
Da ist es.
Er dreht sich um.
Der Mann in der Skihose hält bereits sein Telefon.
„Nur wenn's okay ist."
Chris nickt.
„Klar."
Der Mann stellt sich neben ihn, hält die Kamera hoch und braucht drei Versuche, weil er zweimal statt eines Fotos ein Video startet.
Beim dritten Versuch sagt Chris:
„Wenn das jetzt wieder filmt, machen wir einen Kurzfilm draus."
Der Mann lacht so sehr, dass auch das dritte Bild verwackelt.
Am Ende macht die Frau vom Empfang das Foto.
Als Chris ihr folgt, hört er hinter sich bereits eine Sprachnachricht.
„Bruder, du glaubst nicht, wer gerade—"
Die Tür zum Treppenhaus fällt zu.
Stille.
Für exakt vier Stufen.
Dann klingelt Chris' Telefon.
Der Tisch steht auf einer Galerie über der Gaststube.
Von hier aus kann man den ganzen Raum sehen.
Holzbalken. Messinglampen. Alte Ski an den Wänden. Fenster bis fast unter die Decke. Dahinter Schnee, Nebel und die letzten Gondeln, die wie dunkle Punkte durch das Weiß ziehen.
Auf den Tischen stehen kleine Lampen, die so aussehen sollen, als wären sie hundert Jahre alt und vermutlich gestern geliefert worden.
Chris setzt sich mit dem Rücken zur Wand.
Gewohnheit.
Sein Telefon klingelt weiter.
Daniel.
Chris geht ran.
„Ja."
„Wo bist du?"
Chris sieht aus dem Fenster.
„In einer Raumstation."
„Chris."
„Was? Du fragst Fragen, deren Antwort du kennst."
„Soundcheck ist vorgezogen."
Chris schaut auf die Uhr.
„Natürlich."
„Nur zwanzig Minuten."
„Das sagst du immer."
„Diesmal stimmt's."
„Das sagst du auch immer."
Daniel schweigt.
Chris wartet.
„Okay", sagt Daniel. „Vielleicht dreißig."
„Jetzt glaub ich dir."
„Kannst du runterkommen?"
Chris sieht zur Bedienung, die gerade mit zwei Karten auf ihn zukommt.
„Ich wollte eigentlich was essen."
„Danach."
„Das hast du vor dem letzten Soundcheck auch gesagt."
„Und?"
„Danach gab's nichts mehr."
„Es gab Essen."
„Eine Brezel."
„Mit Butter."
Chris schließt die Augen.
„Ich kündige."
„Nach der Show."
„Abgemacht."
Daniel legt auf.
Die Bedienung erreicht den Tisch.
„Darf ich Ihnen—"
Chris steht auf.
„Ich würde wirklich gern."
Sie schaut auf die unberührten Karten.
Dann auf ihn.
„Arbeit?"
„Angeblich."
Sie sammelt eine Karte wieder ein.
„Ich lass die andere liegen."
„Optimistin."
„Berufsbedingt."
Chris zieht seine Jacke an.
Unten in der Gaststube hebt jemand die Hand.
Dann noch jemand.
Chris hebt ebenfalls kurz die Hand und geht zur Treppe.
Das Essen bleibt oben.
Hinter der Hütte sieht die Welt anders aus.
Keine Messinglampen.
Keine alten Ski.
Keine sorgfältig aufgestellten Kerzen.
Flightcases stehen im Schnee. Kabel verschwinden unter schwarzen Gummimatten. Zwei Männer tragen Lautsprecher durch eine Seitentür, während ein Dritter versucht, gleichzeitig eine Zigarette zu rauchen und jemanden am Telefon davon zu überzeugen, dass eine fehlende Traverse kein persönlicher Angriff ist.
Über der Tür hängt ein laminiertes Schild:
`CREW ONLY`
Chris geht hindurch.
Drinnen rennt ihm Daniel entgegen.
Er heißt tatsächlich Daniel.
Das hat Chris inzwischen überprüft.
„Perfekt."
„Ich war noch nie gern dieses Wort."
„Wir haben ein kleines Problem."
„Natürlich."
Daniel geht weiter.
Chris folgt ihm.
„Wie klein?"
„Klein."
„Daniel."
„Technisch klein."
„Daniel."
„Der Monitor links ist tot."
Chris bleibt stehen.
„Das ist dein kleines Problem?"
Daniel dreht sich um.
„Nein."
Chris wartet.
„Das größere ist, dass der Ersatzmonitor in Innsbruck steht."
„Wo stehen wir?"
Daniel schaut ihn an.
Chris nickt langsam.
„Verstehe."
„Wir kriegen das hin."
„Mit welchem Monitor?"
Daniel zeigt auf einen Techniker, der vor einem geöffneten Lautsprecher kniet und hineinblickt, als könnte er ihn durch Enttäuschung reparieren.
„Er arbeitet dran."
Der Techniker schaut hoch.
„Ich arbeite nicht dran. Ich verabschiede mich."
„Siehst du?", sagt Daniel. „Kommunikation läuft."
Chris lacht.
Er kann nicht anders.
Der Techniker auch.
Für ein paar Sekunden ist das Problem tatsächlich kleiner.
Dann kommt eine Frau durch die Tür.
„Chris?"
Daniel schließt kurz die Augen.
Chris bemerkt es.
„Was?"
Die Frau trägt ein Klemmbrett und dieses Lächeln, das Menschen tragen, wenn sie wissen, dass ihre Bitte unvernünftig ist und sie sie trotzdem stellen werden.
„Ganz kurz."
Chris schaut zu Daniel.
Daniel betrachtet plötzlich die Decke.
„Natürlich", sagt Chris.
„Wir hätten vorne eine Familie. Die Tochter hat heute Geburtstag und ist ein riesiger—"
Sie stoppt.
„Fan", beendet Chris den Satz.
„Ja."
„Wie alt?"
„Vierzehn."
„Wo?"
Das Lächeln der Frau wird echt.
„Vorne."
Daniel hebt einen Finger.
„Soundcheck."
Chris sieht ihn an.
„Die Box ist tot."
Vom Boden kommt die Stimme des Technikers:
„Endgültig."
Chris deutet auf ihn.
„Siehst du."
Das Mädchen heißt Emma.
Als Chris den kleinen Nebenraum betritt, sagt sie kein Wort.
Ihre Mutter schon.
Sehr viele sogar.
Der Vater steht daneben und wirkt, als hätte man ihm vorher ausdrücklich verboten, die Situation durch einen schlechten Witz zu zerstören.
Emma hält ein Telefon in beiden Händen.
Chris setzt sich auf die Kante eines Stuhls.
„Alles gut?"
Sie nickt.
„Sicher?"
Noch ein Nicken.
Ihre Mutter flüstert:
„Sie redet normalerweise wirklich."
Emma wird rot.
Chris sieht die Mutter an.
„Jetzt machst du Druck."
Der Vater lacht.
Emma auch.
Problem gelöst.
„Geburtstag?", fragt Chris.
„Ja."
„Vierzehn?"
„Ja."
„Schwierig."
Jetzt schaut sie ihn irritiert an.
„Warum?"
„Mit vierzehn war ich überzeugt, dass Erwachsene Ahnung haben."
Der Vater hebt beide Hände.
„Das erzählen wir ihr noch."
Emma lacht wieder.
Dann reden sie.
Nicht lange.
Über Musik. Über Schule. Über einen Song, den sie gehört hat, als es ihr nicht gut ging.
Bei dem Satz verändert sich etwas.
Nicht viel.
Nur genug.
„Der hat mir geholfen", sagt sie.
Chris antwortet nicht sofort.
Draußen fällt irgendetwas Metallisches zu Boden.
Jemand flucht.
Daniel ruft einen Namen.
Hier drin hört es sich weit weg an.
„Dann war er für etwas gut", sagt Chris.
Emma schaut ihn an.
„Für sehr viel."
Chris nickt.
Mehr sagt er nicht.
Die Mutter macht ein Foto.
Dann noch eins.
Beim Abschied umarmt Emma ihn vorsichtig.
Chris lässt sie.
Als die Familie gegangen ist, bleibt er einen Moment sitzen.
Die Frau mit dem Klemmbrett steht an der Tür.
„Danke."
Chris sieht auf den leeren Stuhl gegenüber.
„Dafür nicht."
Sein Telefon vibriert.
Daniel.
Chris steht auf.
Die zwanzig Minuten sind längst vorbei.
Der Soundcheck hat noch nicht begonnen.
Als Chris auf die Bühne kommt, stehen vor ihm vielleicht dreißig Menschen.
Offiziell dürfte keiner von ihnen dort sein.
„Was ist das?"
Daniel folgt seinem Blick.
„Personal."
Chris zählt zwei Skilehrer, drei Frauen mit Handys, einen Mann im Bademantel und ein Kind auf den Schultern seines Vaters.
„Großes Personal."
„Die Tür war kurz offen."
„Wie kurz?"
„Länger."
Chris nimmt das Mikrofon.
Eine Frau vorne winkt.
Chris winkt zurück.
Der Techniker steht seitlich an der Bühne.
„Monitor geht."
„Ich dachte, der ist tot."
„War er."
„Und jetzt?"
Der Mann zuckt mit den Schultern.
„Berge."
Chris sieht ihn an.
„Das ist technisch deine Erklärung?"
„Willst du die lange?"
„Nein."
„Dann Berge."
Der Beat startet.
Chris hört zwei Takte.
Dann nichts.
Er hebt die Hand.
Der Beat stoppt.
Daniel schaut zum Techniker.
Der Techniker schaut zu Daniel.
Chris schaut zu beiden.
„Berge?"
Vorne lacht jemand.
Der Techniker hebt einen Finger.
„Noch mal."
Beim zweiten Versuch funktioniert alles.
Fast.
Chris rappt die ersten Zeilen.
Die Stimme sitzt.
Monitor links funktioniert.
Monitor rechts funktioniert.
Dann beginnt irgendwo hinter der Bühne eine Bohrmaschine.
Chris hört auf.
Die Bohrmaschine nicht.
Er wartet.
Das Geräusch geht weiter.
„Ist das Teil der Show?"
Niemand antwortet.
Chris spricht ins Mikrofon.
„Der Mann mit der Bohrmaschine: hervorragendes Timing."
Das Geräusch verstummt.
Von irgendwo hinter der Wand:
„SORRY!"
Die dreißig angeblichen Mitarbeiter applaudieren.
Chris lacht.
„Nochmal."
Diesmal läuft der Song durch.
Und für diese wenigen Minuten passiert etwas Seltsames.
Der Stress verschwindet.
Daniel verschwindet.
Die kaputte Technik verschwindet.
Die offenen Türen, die Telefone, die Fragen.
Alles weg.
Nur Beat.
Stimme.
Raum.
Chris steht genau dort, wo er stehen will.
Als der letzte Ton ausläuft, klatschen die dreißig Leute.
Eigentlich lächerlich wenig für die Größe des Raumes.
Es fühlt sich trotzdem gut an.
Chris gibt das Mikrofon zurück.
„Wann geht's los?"
Daniel schaut auf die Uhr.
„Bald."
Chris atmet aus.
„Kann ich jetzt essen?"
Daniel lächelt vorsichtig.
Chris kennt dieses Lächeln.
„Was?"
„Interview."
Chris sieht ihn lange an.
„Eine Brezel."
„Was?"
„Wenn ich heute wieder bei einer Brezel lande, kündige ich wirklich."
Er landet nicht bei einer Brezel.
Er landet bei einem halben Schnitzel.
Das ist Fortschritt.
Es steht auf einem Teller auf einem Flightcase hinter der Bühne.
Chris hat genau vier Bissen geschafft, als jemand seinen Namen ruft.
Er kaut weiter.
Daniel erscheint.
„Nicht sauer werden."
Chris zeigt mit der Gabel auf ihn.
„Du hast einen bemerkenswert schlechten Einstieg gewählt."
„Die wollen noch schnell ein Video."
Chris kaut.
Schluckt.
„Wer?"
Daniel nennt einen Namen.
Chris sieht ihn an.
„Kenne ich nicht."
„Musst du auch nicht."
„Dann sind wir uns ja einig."
„Dreißig Sekunden."
Chris legt die Gabel hin.
„Natürlich."
Er steht auf.
Daniel schaut auf den Teller.
„Ich pass drauf auf."
Chris geht zwei Schritte.
Dreht sich noch einmal um.
„Daniel."
„Ja?"
„Wenn du mein Schnitzel isst, spielst du heute."
„Ich kann nicht rappen."
„Dann überleg dir das mit dem Schnitzel."
Später ist die Hütte nicht mehr dieselbe.
Die Tische sind verschwunden.
Wo Chris vorhin essen wollte, stehen Menschen Schulter an Schulter.
Licht schneidet durch künstlichen Nebel. Die Fenster sind schwarz geworden und spiegeln nur noch den Raum zurück.
Hände.
Gesichter.
Telefone.
Von hinter der Bühne klingt die Menge wie Wetter.
Chris steht im schmalen Gang zum Aufgang.
Daniel neben ihm.
Keiner sagt etwas.
Das ist einer der wenigen Momente des Tages, in denen niemand etwas von Chris will.
Weil gleich alle etwas von ihm wollen.
Ein Mitarbeiter hebt drei Finger.
Drei.
Zwei.
Eins.
Chris geht hinaus.
Und die Hütte explodiert.
Der Lärm trifft ihn körperlich.
Menschen springen auf Bänke. Vorne werden Telefone hochgerissen. Irgendwo hält jemand ein Schild mit seinem Namen hoch. Weiter hinten sitzt ein Mann auf den Schultern eines anderen Mannes, obwohl beide eindeutig alt genug sind, es besser zu wissen.
Chris nimmt das Mikrofon.
Der erste Beat setzt ein.
Dann gehört der Raum ihm.
Nicht dem Veranstalter.
Nicht Daniel.
Nicht den Telefonen.
Nicht den Leuten, die vorher noch etwas brauchten und danach wieder etwas brauchen werden.
Für diesen Moment nur ihm.
Er liebt das.
Genau das ist das Problem.
Nach der Show braucht Chris zwölf Minuten für einen Weg von vielleicht dreißig Metern.
Eine Umarmung.
Ein Foto.
„Mein Bruder hört dich jeden Tag."
Foto.
„Kannst du einmal—"
Video.
Handschlag.
Foto.
„Nur ganz kurz."
Noch ein Foto.
Ein Mann hält ihm einen Bierdeckel hin.
„Für meine Tochter."
„Wie heißt sie?"
Der Mann überlegt.
Zu lange.
Chris sieht ihn an.
„Deine Tochter?"
Der Mann beginnt zu lachen.
„Okay. Für mich."
„Wie heißt du?"
„Stefan."
Chris unterschreibt:
*Für Stefans Tochter Stefan.*
Der Mann liest es.
„Du bist ein Arsch."
„Aber du wirst den Deckel behalten."
Stefan steckt ihn sofort in die Jacke.
„Natürlich."
Beide lachen.
Zwei Meter weiter wartet die nächste Gruppe.
Chris bleibt freundlich.
Nicht gespielt.
Die meisten Menschen hier freuen sich wirklich.
Und Chris freut sich darüber.
Das ist wichtig.
Niemand zwingt ihn zu lächeln.
Niemand zwingt ihn, stehen zu bleiben.
Das Problem ist nicht ein einzelner Mensch.
Das Problem ist die Summe.
Ein Wunsch wiegt fast nichts.
Hundert davon irgendwann schon.
Als Chris endlich hinter der letzten Tür verschwindet, ist es still.
Kein Jubel.
Kein Bass.
Nur ein Neonlicht, das leise summt.
Der Gang ist schmal. Links stehen Getränkekisten, rechts Jacken und Kabel.
Chris lehnt sich gegen die Wand.
Schließt die Augen.
Fünf Sekunden.
Vielleicht sechs.
Die Tür geht auf.
„Chris?"
Er öffnet die Augen.
Eine junge Mitarbeiterin steckt den Kopf herein.
Sie sieht ihn.
„Oh."
Chris sagt nichts.
„Sorry."
„Alles gut."
Sie will die Tür wieder schließen.
„Warte."
Sie hält inne.
„Was ist?"
„Nichts."
Chris richtet sich auf.
„Du hast so geguckt."
„Wie?"
Sie überlegt.
„Als wärst du froh, dass die Tür zu war."
Chris schaut zur Tür.
Dann zu ihr.
„War ich."
Sie nickt.
Keine Entschuldigung.
Kein Mitleid.
Nur Verständnis.
„Ich sag denen, du bist schon weg."
Chris sieht sie an.
„Danke."
Sie verschwindet.
Die Tür fällt ins Schloss.
Chris ist wieder allein.
Diesmal länger.
Irgendwann findet Daniel ihn.
Er hat zwei Teller dabei.
Auf einem liegt das inzwischen kalte halbe Schnitzel.
Auf dem anderen eine Portion Pommes.
„Ich hab's verteidigt."
Chris sieht auf das Essen.
„Gegen wen?"
„Mich."
Daniel setzt sich auf eine Getränkekiste.
Chris nimmt den Teller.
„Das rechne ich dir hoch an."
Eine Weile essen sie schweigend.
Aus der Gaststube dringt dumpfer Bass durch die Wand.
„War gut", sagt Daniel irgendwann.
Chris nickt.
„Ja."
„Sehr gut sogar."
„Mhm."
„Die waren komplett weg."
Chris kaut.
„Hab ich gesehen."
Daniel betrachtet ihn.
„Alles okay?"
Chris sieht ihn an.
„Warum fragt ihr das eigentlich immer nach einer Show?"
„Wann sollen wir sonst fragen?"
Chris überlegt.
„Guter Punkt."
Daniel nimmt eine Pommes.
„Also?"
Chris schaut zur geschlossenen Tür.
Dahinter beginnt die Menge irgendeinen anderen Song mitzusingen.
„Alles gut."
Daniel nickt.
Er weiß, dass das keine vollständige Antwort ist.
Er lässt sie trotzdem stehen.
Auf dem Weg nach oben kommt Chris wieder an der Galerie vorbei.
Sein Tisch steht noch da.
Die Speisekarte liegt immer noch an derselben Stelle.
Daneben steht ein frisches Glas.
Chris bleibt stehen.
Die ältere Frau vom Nachmittag sitzt jetzt allein am Nachbartisch.
Graues Haar.
Dunkler Rollkragen.
Kein Telefon vor sich.
Sie sieht aus dem Fenster.
Chris bleibt stehen.
„Sie sind immer noch hier."
„Du auch."
Er setzt sich ihr gegenüber, ohne zu fragen.
Sie schaut kurz zu ihm.
„War laut."
„Das war der Plan."
„Hat funktioniert."
Chris lehnt sich zurück.
Unten wird gelacht.
„Kennen wir uns?", fragt er.
„Nein."
„Sie kennen mich."
„Das tun hier viele."
Chris wartet.
Die Frau sieht weiter nach draußen.
„Die meisten kennen allerdings nur den Teil da unten."
Sie deutet mit dem Kinn zur Gaststube.
Chris sagt nichts.
„Licht an. Musik. Alle glücklich."
„Ist doch kein schlechter Teil."
„Hab ich nicht gesagt."
Jetzt schaut sie ihn an.
„Aber danach wundern sie sich, warum jemand Ruhe will."
Chris betrachtet sie.
„Wer wundert sich?"
„Die, die Ruhe noch für Langeweile halten."
Unten geht eine Tür auf.
Eine Gruppe kommt herein.
Kalte Luft zieht durch den Raum.
Jemand entdeckt Chris.
Man sieht es sofort.
Ein Ellbogen stößt den nächsten an.
Ein Kopf dreht sich.
Dann noch einer.
Die Frau bemerkt es ebenfalls.
„Da."
Sie steht auf.
„Was?"
„Hüttengift."
Chris schaut zu den Leuten.
Dann zu ihr.
„Das sind einfach Menschen."
„Natürlich."
Sie zieht ihre Jacke an.
„Deshalb wirkt es ja."
Chris runzelt die Stirn.
„Was soll das heißen?"
Die Frau sieht hinunter zur Gaststube.
„Das Gift ist nicht die Bühne."
Sie deutet auf die Menschen.
„Und auch nicht die da."
Dann auf Daniel, der unten gerade mit einem Techniker diskutiert.
Auf eine Mitarbeiterin, die Gläser trägt.
Auf zwei Männer, die ein Kabel zusammenrollen.
Auf eine Frau, die jemanden sucht.
Auf die Tür zum Backstage.
„Es ist alles dazwischen."
Chris schweigt.
„Vorher. Nachher. Noch schnell. Nur kurz. Kannst du eben. Einer noch."
Sie sieht ihn an.
„Jeder Tropfen für sich ist harmlos."
Chris schaut hinunter.
Ein Mann wartet inzwischen am Fuß der Treppe.
Telefon in der Hand.
Er kommt nicht hoch.
Noch nicht.
Die Frau lächelt.
„Jetzt verstehst du den Namen."
„Welchen Namen?"
Sie geht an ihm vorbei.
„Hüttengift."
Chris dreht sich nach ihr um.
„Wer nennt das so?"
Die Frau bleibt kurz stehen.
„Leute, die lange genug oben geblieben sind."
Dann geht sie.
Chris sieht ihr nach.
Unten wartet der Mann noch immer.
Chris hebt die Hand.
Der Mann deutet fragend auf die Treppe.
Chris nickt.
Er kommt hoch.
Natürlich kommt er hoch.
Chris lächelt.
Nicht weil er muss.
Weil der Mann sich sichtbar freut.
Und vielleicht ist genau das der schwierige Teil.
Man kann etwas lieben und trotzdem irgendwann genug davon haben.
Später steht Chris draußen.
Allein.
Zumindest für den Moment.
Die Hütte leuchtet hinter ihm wie ein Versprechen.
Von außen sieht niemand die Kabel.
Niemand sieht Daniel mit seinem Headset.
Niemand sieht das kalte Schnitzel auf dem Flightcase.
Niemand sieht die fünf Sekunden im Flur mit geschlossenen Augen.
Man sieht Licht.
Schnee.
Menschen.
Einen gelungenen Abend.
Chris steckt die Hände in die Jackentaschen.
Weiter unten im Tal liegen einzelne Lichter zwischen den Bergen.
Sein Telefon vibriert.
Eine Nachricht.
Dann eine zweite.
Dann drei weitere.
Chris zieht es heraus.
*Daniel: Morgen früher los. Änderung.*
Darunter:
*Unbekannte Nummer: Danke für heute. Emma schläft mit einem Grinsen.*
Chris bleibt an der Nachricht hängen.
Er liest sie noch einmal.
Dann lächelt er.
Die nächste Nachricht erscheint darüber.
*Daniel: Bitte sag jetzt nicht, dass du kündigst.*
Chris tippt:
*Kommt aufs Frühstück an.*
Drei Punkte erscheinen sofort.
*Daniel: Brezel?*
Chris lacht laut.
Allein im Schnee.
Dann steckt er das Telefon weg.
Hinter ihm öffnet sich die Tür.
Musik, Stimmen und warmes Licht fallen nach draußen.
„Chris?"
Er dreht sich um.
Daniel steht in der Tür.
„Was?"
„Wir müssen noch kurz—"
Chris hebt einen Finger.
Daniel verstummt.
Chris schaut hinaus ins Tal.
Nur noch einen Moment.
Dann dreht er sich zur Hütte.
„Jetzt."
Daniel hält ihm die Tür auf.
Chris geht hinein.
Die Wärme schlägt ihm entgegen.
Jemand erkennt ihn.
Jemand ruft seinen Namen.
Irgendwo fällt ein Glas um.
Daniel redet bereits über morgen.
Und noch bevor die Tür hinter ihnen zufällt, versteht Chris, was die Frau gemeint hat.
Nicht die Menschen sind das Gift.
Nicht die Musik.
Nicht einmal der Lärm.
Es ist dieses eine Wort, das nie gefährlich klingt:
*Kurz.*
Nur kurz ein Foto.
Nur kurz Soundcheck.
Nur kurz ein Video.
Nur kurz eine Frage.
Nur kurz noch bleiben.
Nur kurz morgen früher.
Ein Tropfen nach dem anderen.
Chris geht weiter.
Noch liebt er den Geschmack.
Was zurückbleibt
Der erste Tropfen: Aufmerksamkeit, Arbeit und das ständig harmlose „nur kurz“.
Verbindung
Der Tag etabliert Daniel, Emma und Mara sowie den Begriff „Hüttengift“.

