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Introducing: Schattenkartell (Bonus Track) – Original-Artwork auf SoundCloud
ALBUMGESCHICHTE

Keine Zeugen

Die Stelle, an der aus Zufällen ein Muster wird.

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SCHATTENKARTELL

Die Albumgeschichte

Erfolg verändert die Sicht.

Nicht sofort.

Am Anfang verändert er nur Zahlen.

Mehr Hörer. Mehr Nachrichten. Mehr Menschen, die plötzlich wissen, wer du bist. Türen, an denen man früher vorbeigelaufen wäre, stehen offen. Namen, die unerreichbar wirkten, tauchen im eigenen Telefon auf.

JODELTIME hatte aus einer Idee etwas Größeres gemacht.

ALPENGIFT hatte danach bewiesen, dass sich dieser Erfolg nicht einfach mit einem glücklichen Treffer erklären ließ.

Und dann kamen die **RESTBIERAKTEN**.

Was zunächst wie der Gegenentwurf zu allem davor wirkte, wurde rückblickend zum entscheidenden Übergang.

Keine Berge mehr.

Keine großen Abrechnungen.

Keine Schwere, die sich selbst wichtig nahm.

Stattdessen Partyzonen, Ferienwohnungen, Strandbars, absurde Nächte, verlorene Schuhe, überfüllte Taxis und Menschen, die mit erstaunlicher Überzeugung Dinge taten, die bei Tageslicht niemand mehr erklären konnte.

Phantompatron beobachtete.

Chris stand daneben.

Und aus dem Chaos wurden Akten.

Die RESTBIERAKTEN machten aus Nebensächlichkeiten Fälle.

Aus Partyfiguren wurden Zeugen.

Aus Pannen wurden Protokolle.

Aus Beobachtungen entstanden Geschichten.

Es war Satire.

Zumindest begann es so.

Denn zwischen all den Fällen hatte sich etwas eingeschlichen, das nicht in dieses Album gehörte.

Etwas, das nicht lustig war.

Am Ende blieb von der Partyzone nicht viel übrig.

Die Musik lag hinter ihnen.

Das Licht wurde kälter.

Die letzten Stimmen verloren sich.

Phantompatron ging voraus.

Chris folgte.

Vor ihnen lag kein neuer Club, keine weitere Bar und keine Fortsetzung der Nacht.

Nur ein Gang.

Beton.

Stahl.

Kaltes Licht.

Und an seinem Ende eine schwere Tür.

Kein Schild.

Kein Logo.

Keine Erklärung.

Phantompatron blieb davor stehen.

Chris sah zurück.

Hinter ihnen lag alles, was die RESTBIERAKTEN gewesen waren.

Der Lärm.

Die Figuren.

Die absurden Fälle.

Der ganze kontrollierte Unsinn.

Vor ihnen:

nichts, das sich einordnen ließ.

Phantompatron öffnete die Tür.

Beide gingen hindurch.

Die Tür fiel hinter ihnen zu.

**Das war nicht das Ende.**

**Das war der Eingang.**

Auf der anderen Seite war es still.

Nicht die angenehme Stille nach einer langen Nacht.

Eine andere.

Der Raum dahinter wirkte nicht verlassen.

Er wirkte vorbereitet.

Ein langer Tisch.

Stühle.

Schränke.

Unterlagen.

Keine Dekoration.

Keine Bühne.

Keine sichtbare Erklärung dafür, wem dieser Ort gehörte.

Chris sah zu Phantompatron.

„Kennst du das hier?“

Keine Antwort.

Das gefiel ihm nicht.

Phantompatron war normalerweise derjenige, der einen Raum schneller verstand als alle anderen.

Diesmal sah auch er sich um.

Auf dem Tisch lagen Akten.

Nicht die RESTBIERAKTEN.

Keine Partyfälle.

Keine Pointe.

Schwarze Mappen.

Nummern.

Kürzel.

Verbindungen.

Chris nahm eine davon hoch.

Kein Absender.

Kein Firmenname.

Nur eine interne Notiz:

**KONTAKT NICHT DIREKT. STRUKTUR BEIBEHALTEN.**

Darunter standen Kürzel.

Keine Namen.

Einige davon kamen Chris bekannt vor.

Er wusste zunächst nicht, weshalb.

Dann fiel es ihm ein.

Er hatte sie schon gesehen.

Nicht hier.

In Unterlagen aus seinem eigenen Umfeld.

Chris öffnete die nächste Mappe.

Andere Firma.

Andere Angelegenheit.

Dasselbe Kürzel.

Noch eine.

Ein Vermittler.

Ein Ansprechpartner.

Eine Entscheidung, die längst erledigt war.

Wieder eines der Zeichen.

Die RESTBIERAKTEN hatten ihnen beigebracht, aus Kleinigkeiten Geschichten zu machen.

Hier funktionierte das nicht.

Denn diese Kleinigkeiten waren nicht lustig.

Sie passten zusammen.

Nicht vollständig.

Gerade genug.

Chris begann, die Unterlagen nebeneinanderzulegen.

Firmen führten zu Firmen.

Kontakte führten zu Vermittlern.

Vermittler verwiesen auf Menschen, die offiziell mit der jeweiligen Sache nichts zu tun hatten.

Ein Kreis entstand nie.

Immer nur Linien.

Und jede Linie endete kurz bevor sie interessant wurde.

Es war keine Mauer.

Eine Mauer hätte wenigstens bestätigt, dass dahinter etwas lag.

Das hier war geschickter.

Es gab immer eine Erklärung.

Nur nie dieselbe.

Dann fand Chris etwas zwischen den Unterlagen.

Eine Karte.

Schwarz.

Ohne Beschriftung.

Er drehte sie um.

Ein einziges Wort.

**SCHATTENKARTELL**

Chris sah zu Phantompatron.

„Schon mal gehört?“

Phantompatron nahm die Karte.

Betrachtete sie.

Schüttelte den Kopf.

Keine Reaktion, die Chris beruhigte.

„Was soll das sein?“

Phantompatron legte die Karte zurück.

„Vielleicht nichts.“

Chris sah auf die Akten.

„Und das hier?“

„Vielleicht auch.“

„Ziemlich viel Nichts.“

Phantompatron antwortete nicht.

Sie nahmen nichts mit.

Noch nicht.

Aber von diesem Moment an änderte sich die Wahrnehmung.

Nicht die Welt.

Nur die Art, wie Chris sie betrachtete.

Er begann darauf zu achten, wer wen kannte.

Wer Entscheidungen traf.

Wer nur so tat, als würde er sie treffen.

Wer in Gesprächen viel sprach.

Und wer nur einen Satz sagen musste.

Dabei fiel ihm etwas auf.

Macht sah aus der Nähe anders aus, als sie von außen dargestellt wurde.

Die Lautesten waren selten die Interessantesten.

Titel bedeuteten weniger, als er gedacht hatte.

Manche Menschen saßen am Kopf eines Tisches und warteten trotzdem auf ein Nicken von jemandem, dessen Name auf keiner Einladung stand.

Andere tauchten nirgendwo auf und wurden trotzdem ständig erwähnt.

Nicht öffentlich.

Nur in Nebensätzen.

„Das ist abgeklärt.“

„Die wissen Bescheid.“

„Von oben ist das okay.“

Wer war **die**?

Wo war **oben**?

Niemand fragte.

Chris tat es irgendwann.

Die Antwort war ein Lachen.

„Du willst immer alles genau wissen.“

„Berufskrankheit.“

„Dann gewöhn sie dir ab.“

Es klang freundlich.

Chris lächelte ebenfalls.

Aber der Satz blieb.

Das Wort aus dem Raum ließ ihn ebenfalls nicht mehr los.

**Schattenkartell.**

Vielleicht war es nur ein Name.

Vielleicht eine interne Bezeichnung.

Vielleicht irgendein schlechter Scherz.

Vielleicht bezeichnete es überhaupt keine Organisation.

Denn je länger Chris suchte, desto weniger fand er.

Keine Firma.

Keine Adresse.

Keine Führung.

Keine Mitglieder.

Keine Struktur, die man hätte aufzeichnen können.

Nur Verbindungen.

Und Resultate.

Türen öffneten sich, bevor jemand angeklopft hatte.

Gespräche waren vorbereitet, obwohl niemand sie angekündigt hatte.

Leute kannten Entscheidungen, die noch nicht getroffen worden waren.

Und immer, wenn Chris glaubte, darin endlich ein Muster zu erkennen, änderte sich das Muster.

Irgendwann wurde aus der Neugier Material.

Aus dem Material entstanden Zeilen.

Chris übertrieb bewusst.

Wenn dieses unsichtbare Netzwerk schon einen Namen hatte, konnte er ihm auch eine Stimme geben.

Wenn niemand erklären konnte, wer Entscheidungen traf, machte er daraus Menschen, die der Zukunft Anweisungen erteilten.

Wenn Gerüchte schneller waren als Fakten, bekamen die Gerüchte eben einen Privatjet.

Wenn Macht keine Fingerabdrücke hinterließ, dann nur deshalb, weil ihre Hände sauber blieben, während ihre Finger überall waren.

Es wurde größer.

Absurder.

Selbstbewusster.

Fast satirisch.

Ein Kartell, das keine Ware bewegte.

Sondern Entscheidungen.

Informationen.

Zugänge.

Erwartungen.

Vielleicht sogar Zufälle.

Chris öffnete einen neuen Songentwurf.

Als Titel schrieb er das Wort von der Karte:

**SCHATTENKARTELL**

Darunter:

**Wir reden mit der Zukunft, als wäre sie ein Praktikant.**

Er betrachtete die Zeile.

Dann schrieb er weiter.

**Die Stadt schläft.**

Neue Zeile.

**Wir nicht.**

Chris hielt kurz inne.

Bis hierhin hatten sie Akten angelegt.

Jetzt hatten sie offenbar eine geöffnet, die nicht von ihnen stammte.

Und zum ersten Mal war nicht klar,

ob Chris eine Geschichte über das Schattenkartell schrieb –

oder ob das Schattenkartell längst eine über ihn begonnen hatte.

Kapitel

1SchattenkartellLesen →